Dürrenmatt und die Komödie

Dürrenmatt und die Komödie​ - ein Deutsch Referat

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Friedrich Dürrenmatt, Die Physiker, Der Besuch der alten Dame, Der Meteor, jeweils mit Interpretation und Inhaltsangabe

Friedrich Dürrenmatt und die Komödie

1. Vom Wesen und den Werken Friedrich Dürrenmatts





Friedrich Dürrenmatt wird am 5. Jänner 1921 in Konolfingen (Kanton Bern) als Sohn eines Pfarrers geboren. Sein Großvater ist ein konservativer Nationalrat, der mit satirischen Gedichten Bürokratismus und ähnliche Mißstände anprangert. Dieser erreicht mit seinen Gedichten etwas, um das ihn Friedrich immer beneidet. Er muß nämlich für ein Gedicht ins Gefängnis. Eine „Ehre“, die seinem Enkel nie zuteil wird. Im Gegenteil. Friedrich Dürrenmatt erringt mit seinen gesellschaftskritischen Werken immer nur Ehrungen und Ehrentitel.



Trotz seiner Erziehung in einem Pfarrhaus hat er zu Gott und Glauben ein eher distanziertes Verhältnis. Ursprünglich will Dürrenmatt Maler werden und wird von seinen Lehrern mit den Naturwissenschaften bekannt gemacht. Einem Wissensgebiet, zu dem Dürrenmatt auch später noch eine sehr enge Beziehung hat und das auch Stoff eines seiner größten Werke wird. Friedrich Dürrenmatt besucht das Gymnasium mit mäßigem Erfolg und studiert anschließend Philosophie und Germanistik, ohne jemals einen Abschluß zu machen.



Zu schreiben beginnt er während des Zweiten Weltkrieges, den er, in der Schweiz lebend, durch Zeitungen und Rundfunk erlebt. Seine ersten Werke haben eine apokalyptisch-phantastisch-schauerliche Note an sich.



„Ein Mensch erschlug seine Frau und verwurstete sie (…)“ [1]. So beginnt die Geschichte „Die Wurst“. In diesem Stück geht es um einen Mann, der seine Frau ermordet und sie zu Wurst verarbeitet hat. Als er dann vor Gericht gestellt wird, wird er natürlich zum Tod verurteilt. Er hat aber noch einen Wunsch: Er möchte die letzte verbliebene Wurst, die als Beweisstück im Prozeß gedient hatte, essen. Seinem Wunsch wird stattgegeben. Als die Wurst jedoch geholt werden soll, stellt sich heraus, daß sie bereits der Richter verzehrt hat.



In seinem gesamten Schaffen der damaligen Zeit sind derart makabere und absurde Begebenheiten zu finden. Auch die Motive seiner Bilder sind in dieser Zeit meist Folterknechte, Scharfrichter, Skelette, Krüppel, Menschentiere und Figuren aus seinen Geschichten.



Erste abendfüllende Dramen von Dürrenmatt erscheinen nach dem Zweiten Weltkrieg. Allen diesen Stücken ist eine grausame und machthungrige Hauptperson gemeinsam. Er versucht in diesen Stücken als einer der ersten die noch keine fünf Jahre zurückliegende Vergangenheit aufzuarbeiten und dem Trauma, das der Zweite Weltkrieg bei allen Menschen hinterlassen hat, ein Ende zu bereiten.





Dürrenmatt gerät 1949 durch seine Zuckerkrankheit, der Geburt seines zweiten Kindes und einigen Mißerfolgen in finanzielle Bedrängnis und beginnt 1950 für die Zeitung „Der Schweizerische Beobachter“ an einem Fortsetzungsroman zu schreiben. Der Roman mit dem Titel „Der Richter und sein Henker“ erscheint in acht Folgen und wird zu einem großem Erfolg.



Es ist der erste Kriminalroman Dürrenmatts. Ein Roman voll überraschender Wendungen, aber auch voll von Satirischem über das Genre des Kriminalromans, über die ganze Schweiz, die Polizei und über die Gangster. Auch Dürrenmatts zweiter Kriminalroman „Der Verdacht“, den er 1952 für die gleiche Zeitung schreibt, und der mehr oder weniger eine Fortsetzung des ersten ist, wird ein Erfolg.



Nach seinen Erfolgen als Kriminalautor beginnt sich Dürrenmatt mehr mit Gesellschaftsproblemen zu beschäftigen. Es entstehen die wahrscheinlich wichtigsten Werke Dürrenmatts: „Der Besuch der alten Dame“ (1956) und „Die Physiker“ (1962).



Ab 1966 beginnt eine neue Schaffensphase, die Bearbeitung fremder (König Johann nach Shakespeare, Play Strindberg nach Strindbergs Totentanz, Urfaust nach Goethe) und eigener Werke für die Bühne. Dürrenmatt nimmt eine Zeitlang eine feste Stelle beim Theater an. Die historischen Stoffe treten nun in den Hintergrund und die aktuellen Themen verstärken sich.



In den letzten Lebensjahren entwickelt sich zwischen Dürrenmatt und seinem Publikum bzw. seinen Kritikern ein immer gespannteres Verhältnis.



Friedrich Dürrenmatt stirbt am 14. Dezember 1990 im Alter von 69 Jahren in seinem Haus in der Schweiz in Neuchatel.































2. Friedrich Dürrenmatt und die Komödie



Dürrenmatt ist ein schonungsloser Moralist und Satiriker, zu dessen literarischen Ahnen Aristophanes, Plautus, Moliere, Nestroy, G. Kaiser, Wedekind, Sternheim, Giraudoux, Pirandello, Wilder zählen. Er erkennt keine dramatischen Gesetze an; in dem Vortrag „Theaterprobleme“ (1955) erklärt er die Komödie zur einzigen heute möglichen Bühnenform, aus der heraus sich das Tragische wie bei Shakespeare noch erzielen lasse. Die Tragödie im Sinne Schillers setze eine überschaubare Welt voraus, die im Atomzeitalter nicht mehr gegeben sei.



Er will nicht „allzu billig“ Trost geben, vielmehr mit dem „Abenteuer die Wahrheit sagen“, sein Publikum „ärgern“, will „grotesk sein aus der Notwendigkeit heraus, tendenziös und künstlerisch zugleich aufzutreten“. Er weiß „um das Absurde dieser Welt“, verzweifelt aber nicht, „denn wenn wir auch wenig Chancen haben, sie zu retten – es sei denn, Gott sei uns gnädig -, bestehen können wir sie immer noch“. So hält er in einfallsreichen Farcen und parodistischen Fabeln, stofflich der Moritat und Räuberpistole verwandt, formal vom Lyrischen bis zum Kabarettistischen gespannt, dem Zeitgenossen mit heizendem Humor, Witz und Zynismus den Weltspiegel vor, daß dessen Gewissen geweckt werde.



Schon der umstrittene Erstling „Es steht geschrieben“ (Tragikomödie, 1947) mit 41 Rollen, ein ironisch skeptischer Bilderbogen aus der münsterischen Schreckensherrschaft der Wiedertäufer, brachte Dürrenmatt in den Ruf eines „unbequemen Zeitgenossen“. In der leichteren „ungeschichtlichen historischen Komödie“ bzw. späteren „komischen Tragödie“ „Romulus der Große“ (1949; zweite Fassung 1957) verulkt Dürrenmatt sarkastisch die Staatsraison im Beispiel des letzten römischen Kaisers, der hühnerzüchtend das Imperium liquidiert, weil man „das Vaterland weniger lieben soll als den Menschen“ .



Unmittelbar die Zeitgenossen trifft die „leichenreiche“ Komödie „Die Ehe des Herrn Mississippi“ (1952; Neufassung 1957), Mischung aus Moritat, Panoptikum, moralischem Überbrettl und dramatischem Pamphlet, die Dürrenmatts Weltruf begründete. Drei Weltverbesserer, ein Staatsanwalt, der im Sinne einer Wiedereinführung des Gesetzes Mosis seine ungetreue Ehefrau vergiftet hat, ferner ein Edelkommunist und ein heruntergekommener Tropenarzt, letzterer ein idealistischer Liebender, gehen darin zugrunde, auch eine Witwe, die lügenhafte Geliebte ähnlich der Lulu Wedekinds, die ihren Mann vergiftet hat und darum vom Staatsanwalt zu gemeinsamer „Sühne“ zur Ehefrau genommen wird; lediglich ein brutaler Machtmensch überlebt, davon überzeugt, daß man „alles ändern“ könne, „nur den Menschen nicht“.



Weniger moralisierende Zeitsatire als parodistische Phantasmagorie, ein Märchen und zugleich kabarettistisches Gleichnis ist die „Komödie“ „Ein Engel kommt nach Babylon“ (1953; Neufassung 1957), ausgezeichnet mit einem Anerkennungspreis der Stadt Bern; der tyrannische König Nebukadnezar, unfähig, der Macht zu entsagen und arm zu werden, verliert darum ein reines Mädchen, das von einem Engel auf die Welt gebracht worden war, an einen Bettler und attackiert mit einem Turmbau frevelhaft den Himmel.



International erfolgreich war die tragische Komödie „Der Besuch der alten Dame“ (1956; Uraufführung 1956 im Schauspielhaus Zürich), in der eine amerikanische Milliardärin in ihren verschuldeten Heimatort kommt und von den Einwohnern gegen ein Milliardenangebot ihren Jugendgeliebten, der sie schändete und verstieß, als Leiche fordert – und bekommt, nachdem die zunächst entrüstet ablehnenden Bürger Kredit auf das lebende Opfer aufgenommen haben und dieses schließlich aus „moralischen Beweggründen“ töten.



In der Komödie „Die Physiker“ (1962) brandmarkt Dürrenmatt den Griff der Großmächte nach atomaren Vernichtungsmitteln und kennzeichnet die Last der Verantwortung, die auf Forschern und Erfindern ruht; aber nicht einmal in der Abgeschiedenheit eines Irrenhauses sind sie vor einer heimtückischen Auswertung ihrer Forschungen durch eine vom Wahnsinn besessene, machtgierige Welt sicher.



Ein großer Bühnenerfolg war die 1966 im Züricher Schauspielhaus uraufgeführte, sich an die klassischen Regeln der drei Einheiten haltende, äußerst konzentrierte Komödie „Der Meteor“, in der Dürrenmatt die Thematik des Wunders der Auferstehung behandelt.

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Das Weltgefühl, das aus Friedrich Dürrenmatts Werken spricht, liegt vor aller rationalen Erfahrung, es ist ursprünglich und unauflöslich: das Gefühl der Kleinheit und Ohnmacht des Menschen vor einer chaotischen, nicht zu bewältigenden Welt, die ein Ungeheures ist, ein Rätsel an Unheil, das hingenommen werden muß, vor dem es jedoch kein Kapitulieren geben darf. In seinen theoretischen Äußerungen leitet Dürrenmatt dieses Gefühl immer wieder aus dem heutigen Zustand der Welt ab, aus dem Terror der Apparate und Organisationen, aus der Bürokratisierung und Technisierung aller Gesellschaftsformen, die das entmachtete Individuum unter sich begraben – im Grunde aber sind das nur Erscheinungen, in denen ein ursprüngliches Gefühl der Ohnmacht sich bestätigt findet, eine Verlorenheit, die nicht durch eine veränderte Gesellschaft aufgehoben werden könnte, sondern durch den Glauben an eine allseits gerechte göttliche Ordnung der Welt.



Obwohl Dürrenmatts Werke immer wieder Erscheinungen unserer Zivilisationsgesellschaft aufgreifen, obwohl er selbst immer wieder Art und Stil dieser Werke nicht nur zu unserer Zeit in Beziehung setzt, sondern sogar theoretisch aus ihr ableitet, sind sie im wesentlichen nicht Auseinandersetzung oder gar Antworten auf diese Zeit. Sie stellen im Kostüm unserer Welt Ursituationen dar, tragen unter den Bedingungen unserer Zeit Urkonflikte aus.



Es geht in Ihnen nicht um den Wohlfahrtsstaat, das kapitalistische System oder den Atomkrieg, sondern um Verrat, Schuld, Sühne, Treue, Freiheit und Gerechtigkeit –

nicht um Psychologie, Soziologie, Politik, sondern zuerst und zuletzt, im absolutesten Sinne des Wortes, um Moral.



Ein Drama soll – das ist für Dürrenmatt die Möglichkeit und Pflicht des Theaters – den Zuschauer aufstören, soll in ihm Fragen provozieren, aber nicht Fragen an das Stück, sondern an ihn selbst, an seine eigene Moral. Dürrenmatts Geschichten bringen in einer unmoralischen (untragischen) Weit Menschen in Konfliktsituationen, die sie zu moralischen (tragischen) Entscheidungen zwingen. Das heißt für Dürrenmatt: Theater ist eine Sache sinnvoller Übertreibung, es wirkt nicht durch Nuancen, sondern durch möglichst starke Kontraste, Wendungen müssen nicht subtil vorbereitet werden, sondern möglichst direkt und frappant zustande kommen, die Konturen dürfen nicht durch psychologische Verästelung verwischt werden, vielmehr müssen die Personen schon durch Habitus und Redeweise drastisch typisiert sein, die Distanz zwischen den Gegenspielern soll möglichst extrem sein: der erste und der letzte, König und Bettler, Richter und Henker, Mörder und Opfer. Die Theatralik dieser Weit der Superlative ist enorm, so enorm, daß es manchmal unmöglich scheint, der Auseinandersetzung zwischen Treue und Verrat, zwischen Schuld und Sühne, die in ihr ausgetragen wird, ähnliche Dimensionen zu geben.



Dürrenmatts Einfälle, seine Anfänge sind immer unanfechtbar zwingend, ihre dramaturgische Entwicklung aber kann die Gegenspieler in so extreme Positionen treiben, daß alle moralischen Kategorien gesprengt werden, sie nähern sich Punkten jenseits der Dialektik von Gerechtigkeit und Gnade, wo nur noch rhetorische Rückzüge möglich sind, weil dramaturgisch notwendiges und moralisch zwingendes Handeln nicht mehr übereinstimmen. So ist zu erklären, daß Dürrenmatts Geschichten oft in verschiedenen Fassungen verschiedene Schlüsse haben. Viel später erst als mit der Notwendigkeit, vom Einfall auszugehen und ins Blaue hinein zu schreiben, hat Dürrenmatt sich mit der Schwierigkeit auseinandergesetzt, seine sich eigenmächtig entwickelnden Fabeln zu einem zwingenden Schluß zu führen, und postuliert: „Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.“ [2]



3. Die Physiker



3.1. Inhalt



Die Handlung des Stücks spielt im Salon der Villa eines privaten Sanatoriums, oder besser gesagt eines Irrenhauses. Während im südlichen, neu gebauten Teil des Sanatoriums prominente Gäste ihr Dasein zu horrenden Preisen fristen, leben in der schon etwas verlotterten Villa nur mehr drei Patienten. Es sind dies drei Physiker. Sie nehmen gemeinsam ihr Essen ein, diskutieren über physikalische Probleme oder leben eingesponnen ihr eigenes Leben. Ihre drei Zimmer grenzen direkt an den Salon an.



Leiterin und Gründerin des Irrenhauses ist Fräulein Dr. h. c. Dr. med. Mathilde von Zahnd. Einzig noch lebender Sproß einer einst angesehenen und mächtigen Industriellenfamilie. Sie genießt einen Weltruf als Menschenfreund und Psychiater.



Es ist kurz nach halb fünf Uhr nachmittags. Aus einem der den Salon angrenzenden Zimmer dringt Geigenspiel mit Klavierbegleitung. Auf dem Boden des Salons liegt die Leiche einer Krankenschwester. Im Raum herrscht Unordnung. Um die Leiche bemühen sich mehrere Kriminalbeamte. Inspektor Richard Voß befragt gerade die Oberschwester zur Person des Opfers und des Täters. Über den Täter muß er erfahren, daß es sich um Ernst Heinrich Ernesti handelt. Ernesti ist einer der drei Physiker, er hält sich für Einstein.



Während der Inspektor auf die Leiterin des Hauses wartet, betritt Herbert Georg Beutler den Salon. Beutler, der sich für Newton ausgibt, erkundigt sich nach dem Lärm, der im Salon herrscht. Als Newton erfährt, daß Einstein seine Pflegerin erdrosselt hat, wundert sich Newton, wie man nur eine Krankenschwester erdrosseln kann. Der Inspektor entgegnet ihm, daß auch er, Newton, seine Krankenschwester erdrosselt hätte. Newton erklärt dem Inspektor, daß es bei ihm ganz anders gewesen sei. Seine Krankenschwester hätte sich in ihn verliebt, und er erwiderte diese Liebe. Dieses Dilemma sei nur noch mit einer Vorhangkordel zu lösen gewesen. Allein schon der Altersunterschied, er müßte doch jetzt schon über zweihundert Jahre alt sein, wäre ein Hindernis gewesen. Außerdem, so vertraut er dem Inspektor an, sei er gar nicht verrückt. Er tue nur so, damit Ernesti nicht verwirrt sei, denn Ernesti ist in Wirklichkeit Newton und er ist Einstein.



Nach diesem verwirrenden Zwiegespräch betritt die Leiterin des Hauses den Raum. Als ihr der Inspektor von seinem Gespräch mit Newton erzählt, meint sie, daß er das jedem erzähle, daß er sich aber tatsächlich für Newton halte, denn sie bestimme in diesem Haus für wen sich ihre Patienten halten.



Der Inspektor weist Frau Zahnd darauf hin, daß der Staatsanwalt nach diesem zweiten Mord nun darauf besteht, daß starke männliche Pfleger die Betreuung der drei Physiker übernehmen müssen. Nach einigem Zögern gibt sie nach und sichert zu, daß sie hier von nun an männliche Pfleger einsetzen wird.



Nachdem der Inspektor verschwunden ist, erscheint Frau Rose mit ihrem Mann und ihren Kindern. Sie ist die ehemalige Frau von Johann Wilhelm Möbius, dem dritten Physiker. Frau Rose hat den Missionar Rose geheiratet und will sich nun von Möbius verabschieden.



Sie erkundigt sich nach dem Befinden, und fragt ihn, ob ihm König Salomo noch immer erscheine. Möbius kann sich nur schwach an seine Kinder erinnern, und beginnt den Irren zu spielen. Er schüchtert seine Familie ein und wirft sie mit wüsten Beschimpfungen aus dem Raum.



Nachdem die Familie den Raum verlassen hat, beruhigt Schwester Monika den aufgebrachten Möbius. Sie hat bemerkt, daß er gar nicht verrückt ist. Dabei gesteht sie ihm ihre Liebe und berichtet ihm, daß sie die Erlaubnis habe, mit ihm das Irrenhaus zu verlassen und in einem kleinen Dorf eine neue Existenz aufzubauen. Möbius ist das zuviel, und er erdrosselt sie. Nach diesem dritten Mord erscheinen nun riesenhafte Pfleger, die Türen werden abgeschlossen und die Fenster vergittert.



Beim Mittagessen überrascht Newton die beiden anderen Physiker mit einem Geständnis. Er gesteht, daß er Alec Jasper Kilton sei, der Begründer der Entsprechungslehre, und daß er sich in das Irrenhaus eingeschlichen habe, um hinter das Rätsel um Möbius Verrücktheit zu kommen. Er sei Angehöriger eines Geheimdienstes und hat seine Krankenschwester nur deshalb umgebracht, weil sie seine wahre Identität erahnt hat. Er hält Möbius für den größten Physiker aller Zeiten, hat alle seine Dissertationen gelesen und muß ihn nun bewachen und notfalls entführen, falls sich ein gewisser Verdacht bestätigt.



Nach diesem Geständnis gibt Einstein ebenfalls zu, daß er nicht verrückt ist. In Wahrheit ist er Joseph Eißler, der Entdecker des Eißler-Effekts. Auch er arbeitet für den Geheimdienst, und seine Aufgabe ist es, Möbius zu bewachen.



Nun bekennt auch Möbius, daß er eigentlich gar nicht verrückt ist. Weil er hinter das Geheimnis der Schwerkraft gekommen ist und nun fürchtet, daß seine Entdeckung für die Menschheit verheerende Folgen hätte, wenn sie bekannt würde, ist er ins Irrenhaus geflüchtet.



Newton entgegnet Möbius, daß Physiker Pionierarbeit zu leisten hätten und daß die Erkenntnisse, die sie machen, der Menschheit zugeführt werden müssen. Ob die Menschen mit diesen Erkenntnissen richtig umgehen, sei nicht Sache der Physiker. Darauf meint Einstein, daß die Verantwortung des Physikers nicht außer acht gelassen werden darf, und daß nur der Physiker entscheiden darf, was mit seinen Erkenntnissen geschieht.



Beide Agenten bemühen sich um Möbius und halten sich gegenseitig in Schach. Doch sie müssen sich eingestehen, daß nur Möbius selbst entscheiden kann, welcher Seite er sein Wissen zur Verfügung stellt.



Da gesteht Möbius, daß er seine Manuskripte bereits verbrannt hat. Er begründet dies damit, daß er nicht in die Abhängigkeit von Politikern kommen möchte. Es fällt der Kernsatz des Stückes: „Es gibt Risiken, die man nicht eingehen darf: Der Untergang der Menschheit ist ein solches“ [3] . Er hat sich daher entschlossen, sein Wissen nicht zu veröffentlichen. Die Menschheit ist nicht reif genug für sein Wissen: „Wir müssen unser Wissen zurücknehmen, und ich habe es zurück- genommen“ [4]. Möbius bleibt im Irrenhaus. Nach diesem Geständnis entschließen sich auch Newton und Einstein, ebenfalls im Irrenhaus zu bleiben, als vermeintlich Irre wollen sie weiterleben: „Verrückt, aber weise. Gefangen, aber frei. Physiker, aber unschuldig.“ [5] .



Da erscheint die Leiterin des Irrenhauses mit ihren Pflegern im Salon. Zur Überraschung der Physiker spricht sie sie mit ihren richtigen Namen an. Aus ihrem Mund müssen die Physiker erfahren, daß sie ihr Bündnis umsonst geschlossen haben. Seit Jahren hat die Anstaltsleiterin alle Manuskripte von Möbius heimlich fotokopiert. In einem mächtigen, von ihr geschaffenen Trust wird sie auch das System aller möglichen Erfindungen für den Weg zur Weltherrschaft ausnutzen. Dies alles geschehe im Auftrage des goldenen Königs Salomo, der auch ihr erschienen sei. Es zeigt sich, daß die Irrenärztin selber geisteskrank ist.



Die Lage der Physiker ist aussichtslos geworden. Sie müssen, als gefährliche Geisteskranke zum Schweigen verurteilt, ihr Dasein weiterhin im Irrenhaus fristen. In kurzen Schlußmonologen geben sie ihrer tiefen Resignation Ausdruck.





3.2. Interpretation



Dürrenmatt bezeichnet das Stück als Komödie mit der Begründung, daß in der heutigen Zeit nur noch das Komische dem Realen beikommt. Die klassische Tragödie kann die heutige Zeit nicht mehr darstellen. Die klassische Tragödie verlangt einen Helden, der frei entscheiden kann und daher auch für sein Schicksal selbst verantwortlich ist. In der heutigen Zeit ist dies jedoch nicht möglich. Jeder ist eingeschlossen in einem Gesellschaftssystem, aus dem es für ihn kein Entrinnen gibt. Er handelt nicht mehr nach freiem Willen, sondern muß sich dem Willen vieler unterwerfen. Diese Komödie ist ein beklemmendes Beispiel dafür.











Der Physiker Möbius entdeckt eine Formel, die alle Probleme der Physik löst. Er erkennt, welche Macht in dieser Formel steckt und opfert sein Leben als freier Bürger, nur um die Menschheit vor dem sicheren Untergang zu bewahren. Erst am Ende erkennt er, daß es umsonst war: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden“ [6].



Die Geschichte des genialen Physikers Möbius ist keineswegs eine erfundene. Möbius steht in dem Stück stellvertretend für Albert Einstein. Einstein legte mit seinen Erkenntnissen den Grundstein für den Bau einer Atombombe und konnte, nachdem er die Gefährlichkeit seiner Erfindung erkannt hatte, die Herstellung einer solchen nicht verhindern. „Im Sommer 1939 hätten noch zwölf Menschen durch gemeinsame Verabredung den Bau verhindern können (…). Doch sie taten es nicht.“ [7]



So ernst, wie die Situation der Menschheit, ist Dürrenmatts Gegenstand. In einem Gespräch hat er seinen dramatischen Ansatz im Grundsätzlichen charakterisiert: „Das Komödiantische ist suspekt, wird nicht voll, nicht ernst genommen. Ich bin jedoch von hier aus zu verstehen, vom ernst genommenen Humor her. In diesem paradoxen Satz drückt sich meine Liebe zur Tragikkomödie aus. Ich gehe vom Komödiantischen aus, vom Einfall, um etwas ganz Unkomödiantisches zu tun: den Menschen darzustellen – so könnte ich vielleicht meine Kunst definieren.“ [8]



Dürrenmatt formuliert hier die Bankrotterklärung der Wissenschaftler. Nur im Irrenhaus darf noch geforscht werden. Außerhalb seiner Umgrenzungen führt Forschen zu irrsinnigen Zuständen.



„Physiker“ und „Techniker“ sind hier im Sinne modellhafter Vereinfachung gebrauchte Synonyme. Sie stehen für diejenigen, welche kraft höherer Einsicht die Folgen wissenschaftlicher Entwicklungen abzusehen vermögen und für jene anderen – mithin die Masse der Menschen – die zum Fortschrittsglauben mangels besserer Einsicht ein ungetrübtes Verhältnis bewahren.



Wissen ist hier zu Macht geworden. Sie hat dem Menschen Macht gegeben, sich selbst zu vernichten. Das Stück ist ein Appell an die Wissenschaft, manches Denkbare nicht zu denken.

4. Der Besuch der alten Dame



4.1. Inhalt



In der Kleinstadt Güllen, nahe der deutsch-schweizerischen Grenze, erwartet man den Besuch einer reichen alten Dame, der Multimillionärin Claire Zachanassian, die als Klara Wäscher in Güllen geboren und aufgewachsen ist. Ihr Vermögen, das sie von ihrem ersten Mann, einem armenischen Ölscheich, geerbt hat, ist unübersehbar, auch die Zahl der Ehemänner kann sich sehen lassen. Zur Zeit ist sie mit ihrem siebenten Ehemann unterwegs.



Der Bürgermeister und die Notabilitäten des einst wohlhabenden, nun aber völlig verarmten und heruntergekommenen Städtchens versammeln sich vor dem verwahrlosten Bahnhof, um Claire Zachanassian einen großen Empfang in der Heimat zu bereiten. Sie hoffen natürlich darauf, daß sie eine ansehnliche Stiftung machen wird, die die Finanzen des kleinen Städtchens verbessern und den Lebensstandard der Bürger heben könnte.



Währenddessen erzählt der Kaufmann Ill, ein Mann Mitte Sechzig, was die Kläri Wäscher für ein bildhübsches, wildes und leidenschaftliches Mädchen gewesen sei und daß leider das Leben sie nach einer stürmischen Liebe von ihm getrennt habe. Noch ehe er damit zu Ende ist, erscheint Frau Zachanassian mit ihrem Gatten und ihrem Gefolge, vier kaugummikauenden ehemaligen Gängstern und zwei blinden Eunuchen.



Die Ovationen, die ihr dargebracht werden, unterbricht sie kurz und bündig mit der Ankündigung, sie werde der Stadt die Summe von einer Milliarde stiften, fünfhunderttausend für die Stadt und fünfhunderttausend aufgeteilt auf alle Bürger, aber nur unter der Bedingung, daß sie sich dafür „Gerechtigkeit“ kaufen könne. Sie will, daß jemand sich bereit erklärt, Ill zu töten. Er habe sie nämlich seinerzeit mit einem Kind sitzenlassen und in einem Vaterschaftsprozeß zwei bestochene Zeugen mitgebracht, die beschworen, ebenfalls ein Verhältnis mit Kläri Wäscher gehabt zu haben. Es sind die beiden Eunuchen, die sie, als sie reich geworden war, aufspüren, entmannen und blenden ließ und dann in ihr Gefolge aufnahm. Ihr Butler aber ist der Oberrichter, der damals den Vorsitz in dem Prozeß gegen Ill führte.



Der Bürgermeister lehnt das Angebot bestimmt ab: „Frau Zachanassian: Noch sind wir in Europa, noch sind wir keine Heiden. Ich lehne im Namen der Stadt Güllen das Angebot ab. Im Namen der Menschlichkeit. Lieber bleiben wir arm denn blutbefleckt.“ [9]





Nun geht eine seltsame Veränderung in Güllen vor. Obwohl sich der Bürgermeister natürlich weigerte, die Milliardenstiftung unter diesen Bedingungen anzunehmen, fangen auf einmal alle Einwohner an, auf großen Fuß zu leben, Anschaffungen zu machen, besser zu essen und zu trinken, kurz alle leben so, als ob sie sicher mit einem beträchtlichen Vermögenszuwachs rechnen könnten. Sie lassen überall anschreiben, und die Kaufleute gewähren ihnen ebenso sorglos Kredit, wie jene ihn in Anspruch nehmen.



Ill wird es unbehaglich. Zwar gewährt er auch seinen Kunden jeden Kredit, aber er fühlt, daß sich etwas gegen ihn zusammenbraut. Claire Zachanassian aber sitzt ruhig im Hotel „Zum Goldenen Apostel“ und beobachtet die Entwicklung der Dinge. Als ein schwarzer Panther, den sie als Haustier bei sich hat, ausbricht und die männlichen Bewohner von Güllen infolgedessen alle mit Schußwaffen herumlaufen, fühlt Ill sich zum ersten Mal wirklich bedroht.



Er will die aufblühende Stadt verlassen, ist aber innerlich bereits so im Netz seiner Angst verstrickt, daß er es nicht mehr vermag. Er findet sich eines Tages bereit, sich dem Gericht seiner Mitbürger zu stellen. Er selbst und alle wissen, wie es ausgeht: „Die Stiftung der Claire Zachanassian ist angenommen. Einstimmig. Nicht des Geldes sondern der Gerechtigkeit wegen und aus Gewissensnot. Denn wir können nicht leben, wenn wir ein Verbrechen unter uns dulden, welches wir ausrotten müssen, damit unsere Seelen keinen Schaden erleiden und unsere heiligsten Güter.“ [10]. Der Bürgermeister aber findet einen genialen Dreh, den moralisch verurteilten Ill nach außen hin zu rehabilitieren: Die Presse wird informiert, daß die Milliardenstiftung von Frau Zachanassian durch Vermittlung des Herrn Ill, ihres Jugendfreundes, zustande gekommen ist. Die Bürger bilden eine Gasse, durch die Ill auf einen „Turner“, der ihn am Ende erwartet, zuschreitet. Die Gasse schließt sich. Als sie sich wieder öffnet, liegt Ill am Boden, tot. „Herzschlag“, stellt der Stadtarzt fest. Claire Zachanassian läßt ihn in den Sarg legen, den sie in ihrem Reisegepäck mitgebracht hat. Der Bürgermeister erhält den Scheck über eine Milliarde.



























4.2. Interpretation



Das Tragikkomische des Stücks beruht auf der Kreisbewegung zweier gegenläufiger Geschichten: hier die lächerliche Groteske von der Käuflichkeit der Moral einer ganzen Stadt, dort die exemplarische Demonstration der Entwicklung des sittlichen Bewußtseins in einem Einzelnen. Beide werden, die eine in absteigender, die andere in aufsteigender Richtung in Gang und zu Ende gebracht von der „reichsten Frau der Welt, die durch ihr Vermögen in der Lage ist, wie eine Heldin der griechischen Tragödie zu handeln, absolut, grausam, wie Medea etwa. Sie kann es sich leisten.“ [11]



Die späte Rache der Klara Wäscher besitzt schon von der Dauer des Daraufwartens her antikes Format: fünfundvierzig Jahre. Mit der kalt rechnenden Präzision einer Schachspielerin bestimmt sie in Güllen Schicksale als Herrscherin über Leben und Tod, auch darin den Göttern gleichend. Freilich hätte sie als wandelnde Prothesensammlung längst gestorben sein müssen. Aber da Gottheiten in aller Regel unsterblich sind, gönnt ihr der Autor wenigstens eine Art Pseudo-Unsterblichkeit; er läßt die Milliardärin als einzige an Bord einen Flugzeugabsturz überstehen.



Bilder und Motive (Ruin, hohle Phrasenhaftigkeit, Lüge, Vergänglichkeit) sind verknüpft mit Themen der griechischen Tragödie: Verhängnis und Gericht, Schuld und Sühne, Rache und Opfer. In einem vergeblichen Versuchs Ills, sich der bürgerlichen Gemeinschaft und der eigenen Verantwortung zu entziehen, überschneiden sich beide Geschichten; in seinem Tod, der ihn in die Gemeinschaft zurückführt, laufen sie zusammen. Der simultane Verlauf der Geschehnisse entspricht dem Sachverhalt, daß innerhalb einer Gesellschaft die Moral zugleich erkannt und vertuscht werden kann – „dargestellt von einem, der sich von diesen Leuten durchaus nicht distanziert und der nicht so sicher ist, ob er anders handeln würde“ [12]



In diesem Stück wird der Spruch „Geld ist Macht“ tragische Realität. Erstens in materieller Hinsicht. Die alte Dame hat die Stadt Güllen mehr oder weniger aufgekauft und heruntergewirtschaftet und so die Güllner völlig von ihrem Geld abhängig gemacht, und zweitens in geistiger Hinsicht. Das in Aussicht gestellte Vermögen ließ die Güllner erst recht in die von ihnen angeprangerte Ungerechtigkeit schlittern. Sie wurden blind und zu Marionetten der alten Dame, die eigentlich nur eines wollte: Alfred Ills Tod.



Wieviel ist ein Mensch wert? Ist die Todesstrafe überhaupt jemals gerechtfertigt? Noch dazu wenn das „Gericht“ mit einer Milliarde bestochen wird.

5. Der Meteor



5.1. Inhalt



Die Szene des ersten Aktes der Komödie „Der Meteor“ stellt ein armseliges Maleratelier im Dachgeschoß eines Großstadthauses dar; eine Nische mit schrägem Oberlicht und Klappfenster gibt den Blick auf Mietskasernen und Himmel frei. Im Atelier herrscht ein ziemliches Durcheinander: Gestelle mit Farben, Pinseln, Geschirr, an der rechten Seitenwand ein Bett, hinter dem eine spanische Wand steht, zwei alte Stühle, eine wackelige Kommode; in der Mitte des Ateliers ein Eisenofen, der als Kochstelle dient, mit einer phantastischen Ofenröhre, die sich über dem Ofen teilt und in der rechten Seitenwand verschwindet. Überall hängen Aktbilder herum, andere stehen auf dem Boden. Windeln sind auf Schnüre gehängt, links neben dem Ofen steht ein alter, wackliger Lehnstuhl neben dem alten, runden, etwas schiefen Tisch. Vor einer Staffelei arbeitet der Maler Nyffenschwander, Zigarette zwischen den Lippen, an einem Akt. Das Modell, seine Frau Auguste Nyffenschwander, liegt nackt vor ihm auf dem Bett.



Plötzlich tritt der Nobelpreisträger Wolfgang Schwitter ein, trotz der mörderischen Hitze des längsten Sommertages in einem kostbaren Pelz, zwei prall gefüllte Koffer in der Hand, unter den linken Arm zwei Kerzen geklemmt. Er ist soeben vom Totenbett aufgestanden und aus der Klinik ausgerissen, wo er operiert und verstorben war – Professor Schlatter, der Chirurg, eine bekannte Kapazität, hatte seinen Tod festgestellt -, hat den städtischen Autobus genommen und ist hierher, in sein altes Atelier, das er vor vierzig Jahren bewohnt hatte, gekommen, um hier in Ruhe zu sterben.



Er bittet, das Atelier mieten und sich hinlegen zu dürfen, um zu sterben. Seine Beine seien schon gefühllos, er leide an Atemnot, er will an nichts mehr denken, einfach verdämmern. Schwitter bittet Nyffenschwander, seine letzten Manuskripte zu verbrennen, die Kerzen aufzustellen und anzuzünden „Ein wenig Feierlichkeit gehört nun einmal zum Sterben“ [13] und ihn sich selbst zu überlassen.



Kaum haben Nyffenschwander und seine Frau den Raum verlassen, springt Schwitter auf, öffnet einen der Koffer und beginnt, den Inhalt in den Ofen zu stopfen. Bei dieser Tätigkeit überrascht ihn der gerade eintretende Pfarrer Emanuel Lutz. Schwitters Frau hatte ihn an das Krankenlager des Nobelpreisträgers in der Klinik gerufen, dort hatte man ihm gesagt, daß Schwitter nach seinem Tode entwichen sei; die Oberschwester hatte gehört, wie Schwitter in der Agonie geäußert habe, sein altes Atelier aufsuchen zu wollen.



So sei er hierher gekommen. Er hilft nun Schwitter, dessen gesamtes Vermögen, lauter Tausendernoten, in den Ofen zu stecken und zu verbrennen. Obwohl Schwitter dem Pfarrer sagt, er sei nur scheintot gewesen, meint der Pfarrer, ein Wunder sei geschehen. Die Tatsache der Auferstehung Schwitters von den Toten erregt den Pfarrer so sehr, daß er stirbt.



Es erscheint nun der Hauswart Glauser. Dieser, Nyffenschwander, dessen Frau Auguste und Schwitter tragen die Leiche des Pfarrers auf den Korridor hinaus, das Bett ist wieder frei für Schwitter. Er bittet Auguste, ihn ins Bett zu führen; sie gefällt ihm immer mehr. Dem hereinstampfenden achtzigjährigen Hausbesitzer Muheim erzählt Schwitter, er habe ihn, als er noch in diesem Atelier hauste, mit seiner Frau betrogen „Ich brachte Ihrer Gattin jeweils am Ersten des Monats den Zins, wir stiegen ins Bett, und ich durfte die hundert wieder mitnehmen!“ [14]; auf diese Nachricht hin bricht Muheim seelisch zusammen. Nun erscheint das schöne neunzehnjährige Callgirl Olga, Schwitters vierte Frau. Er sagt ihr wenig Erfreuliches und schickt sie brutal weg.



Nun kommt Jochen Schwitter, der Sohn aus erster Ehe, um von dem vermeintlich Verstorbenen sein Erbe abzuholen. Als er vernimmt, daß sein Vater alles Geld verheizt hat, verläßt er den Sterbenden, nicht ohne ihm vorher den Rauch seiner Zigarette ins Gesicht geblasen zu haben. Schwitter, der inzwischen einige Flaschen Kognak geleert hat, bleibt allein. Er liegt wie tot und hofft endlich sterben zu können. Als Auguste zu ihm kommt, läßt er von ihr die Türe verriegeln, die Vorhänge zuziehen und fordert sie auf, sich auszuziehen. Während ihr Mann draußen an der Türe rüttelt, steigt Auguste zu Schwitter ins Bett.



Der zweite Akt spielt im Atelier Nyffenschwanders eine Stunde später. Schwitter ist endlich entschlafen. Um sein Bett herum stehen mehrere schwarzgekleidete Herren, unter anderem der Starkritiker Friedrich Georgen und Schwitters Verleger. Presseleute fotografieren mit Blitzlicht. Der Starkritiker hält die Leichenrede und preist Schwitters Eigenart und Bedeutung.



Nachdem die Trauergesellschaft das Atelier verlassen hat, kommt es zu einer Auseinandersetzung zwischen Nyffenschwander und seiner Frau. Sie hat in Schwitter noch auf dessen Totenbett einen faszinierenden Mann kennengelernt und will Nyffenschwander nunmehr verlassen. In diesem Moment richtet sich Schwitter im Totenhemd auf, nimmt sich die Kinnbinde ab und sagt: „Das Bett steht falsch.“ [15]



Nyffenschwander stellt ihn sofort wegen Hintergehung und Zerstörung seiner Ehe zur Rede, aber Schwitter entgegnet: „Nyffenschwander, Ihre Sorgen möchte ich haben. Da sterbe ich unaufhörlich, da warte ich Minute um Minute auf einen würdigen Abgang in die Unendlichkeit, verzweifle, weil es nie so recht klappen will, und Sie kommen mir mit einer Nebensächlichkeit.“ [16] Als Nyffenschwander Schwitter tätlich bedroht, erscheint plötzlich Muheim und wirft Nyffenschwander die Treppe hinunter, wo er sich das Genick bricht. Schwitter fühlt sich so wohl, daß er wieder zu saufen und zu rauchen beginnt; dann kommt er erneut auf Muheims Frau zu sprechen, verwechselt diese aber – ob absichtlich oder nicht, bleibt dahingestellt – mit anderen früheren Geliebten, bis Muheim gereizt auf ihn losgeht, von eintretenden Polizisten jedoch wegen der „Ermordung“ Nyffenschwanders und Bedrohung eines Sterbenden verhaftet und abgeführt wird.



Zugleich mit der Polizei ist der berühmte Chirurg Schlatter gekommen, um die Todesursache Nyffenschwanders festzustellen. Er untersucht jetzt Schwitter und stellt fest, daß dieser bei bester Gesundheit ist. Schwitters Bitte, ihm eine Spritze zu geben, damit er endlich sterben könne, lehnt Schlatter ab. Mit den Worten „Jetzt bringt Ihre Todesraserei auch mich zur Strecke“ [17] stürzt er davon. Endlich erscheint die Abortfrau, Frau Nomsen, die Mutter des Callgirls Olga und somit Schwitters Schwiegermutter. Schwitter findet in ihr die erste wirkliche Partnerin und legt vor ihr sozusagen seine Lebensbeichte ab. Er stellt seine Tätigkeit und sein Gewerbe dem ihren gleich: „Sie gaben sich mit Hurerei ab, ich bloß mit Literatur. Ich schrieb nur, um Geld zu verdienen. Mit einem gewissen Stolz, Frau Nomsen, darf ich nachträglich sogar feststellen: Ich war Ihnen geschäftlich und moralisch nicht ganz un- ebenbürtig.“ [18]



Diese Bankrotterklärung Schwitters „Mein Leben war nicht wert, daß ich es lebte“ [19] trifft Frau Nomsen so tief, daß sie stirbt. Nun dringt die Heilsarmee herein und begrüßt den Auferstandenen mit feierlichen Hymnen. In ihr von Posaunen untermaltes Halleluja hinein tönt Schwitters verzweifelter Schrei: „Wann krepiere ich denn endlich?“ [20]

5.2. Interpretation



Einen Totentanz hat man Dürrenmatts „Meteor“ nicht selten genannt. Denn im „Meteor“ ist der Tod die Figur, die eigentlich sterben will, sterben müßte: Wolfgang Schwitter. Er, mit seinem meteorgleichen Aufflammen, ein erloschenes Gestirn, das durch die Reibung an fremder Substanz neu erglüht, er bringt allem, was sich ihm nähert, Tod oder Verderben. Er wird immer lebendiger dadurch, daß er den Tod um sich herum aussät. Dabei bleibt er ein Mensch mit all seiner Anfechtbarkeit: Daß er wiedererweckt worden ist, nimmt er ja nicht an, er bäumt sich auf gegen den Einbruch einer ungebetenen Gnade in sein Leben.



Dürrenmatt verpaßt keine Gelegenheit, Schwitter unsere Sympathie zu verunmöglichen. Und doch bezwingt uns Schwitter – durch seine Theatergerechtheit, seine komödiantische Vehemenz. Wenn er gleich zu Anfang des Stücks im Atelier des unbegabten und schwächlichen Malers Nyffenschwander erscheint, nein „aufkreuzt“, im Pyjama und Pelzmantel, trotz mörderischer Hitze, mit zwei prallen Koffern und zwei Riesenkerzen unter den Arm geklemmt, wenn es dann heißt- „Sie Sie sind doch -“ [21], und Schwitter antwortet: „Ich bin’s. Wolfgang Schwitter“ [22], so ist das die Art, wie sich klassische Helden seit eh und je vorgestellt haben. Der Auftritt ist lapidar, ein meteorgleicher Einbruch.



Aber ähnlich stark bezwingende Situationen folgen das ganze Stück hindurch. Eine solche ist natürlich die zweite Auferstehung Schwitters am Anfang des zweiten Teils – die erste wurde erzählt, die zweite sehen wir im Theater. Grotesk in ihrer Banalität, sagt doch der mit Kränzen bedeckte und zum Begräbnis hergerichtete plötzlich: „Das Bett steht falsch.“ [23] Wenn dann gleich darauf ein wildes Aufräumen und Ummöblieren angeht, verwoben in einen Streit zwischen dem neuen Lazarus und dem Maler, dem der „Meteor“ kurz vorher in einem besonders starken Aufglühen die Frau weggenommen hat, so ist auch das von nicht mehr zu steigernder Situationskomik. Die Wirkung ist unwiderstehlich. Die Unvereinbarkeit der beiden Sphären des Stücks tritt in einem so unvermittelten Anprall zutage, daß ein Lachen entsteht, wie es eigentlich nur in der Welt des Schwanks heimisch ist.



Hier bäumen sich die Gegensätze höher aneinander auf als je zuvor. Wilde Lästerung der Schöpfung durch Schwitter prallt gegen das Halleluja der Gläubigen. Das Leben sei „eine Schindluderei der Natur, eine obszöne Verirrung des Kohlenstoffs, eine bösartige Wucherung der Erdoberfläche, ein unheilbarer Schorf“ [24], schreit Schwitter. Aber was vermag solches gegen ein Halleluja aus den gläubigen Kehlen der Armen im Geiste? Schwitter fleht die Sänger an: „Zerreißt mich, ihr Himmelstrommler, zerstampft mich, ihr Handorgelbrüder, schmettert mich die Treppe hinunter, ihr Psalmenjodler, seid gnädig, ihr Christen, schlagt mich mit euren Gitarren und Posaunen tot.“ [25] Die Antwort ist der Choral „Morgenglanz der Ewigkeit“, einer der schönsten der protestantischen Kirchenliteratur. Schwitter versucht, ihn aufzuhalten, er schreit: „Wann krepiere ich denn endlich!“ [26] Das wird nicht sein letztes Wort sein, er lebt ja weiter. Der Pfarrer war dem Glück, seinen Glauben leibhaftig bestätigt zu sehen, erlegen. Die Heilsarmisten haben kräftigere Gemüter, ihnen wird der lästernde Schwitter zur reinen Erbauung.



Kein Stück Dürrenmatts ist so sehr wie der „Meteor“ auf den paradoxen Zusammenprall der Motive hin konstruiert. Da ist nirgends Entspannung, da wird alles zum unlösbaren Zusammenprall, Höchstes und Niedrigstes, Erhabenes und Banales, Reines und Schmutziges. Das ist kein Spiel mit dem Tod, sondern aus dem Tod, wie es ein Spiel ist aus der Gnade, Spiel aus dem Unglauben, Spiel aus dem Glauben. Durchaus unerträglich. Aber das will es sein, so soll es sein. Wer das spielen will, muß komisch sein können und entsetzlich zugleich. Dürrenmatt: „Wer hier mildert, macht das Stück kaputt.“ [27]



6. Quellenverzeichnis



6.1. Primärliteratur



Dürrenmatt, Friedrich: Die Physiker. Zürich Diogenes Verlag 1980, ISBN 3-257-20837-5



Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame. Zürich Diogenes Verlag 1980, ISBN 3-257-20835-9



Dürrenmatt, Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, ISBN 3-257-20839-1



6.2. Sekundärliteratur



Goertz, Heinrich: Dürrenmatt, Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH 1987, ISBN 3-499-50380-8



Kaestler, Reinhard: Erläuterungen zu Friedrich Dürrenmatt, Die Physiker, Hollfeld: Bange 1991, ISBN 3-8044-0360-3



Kaestler, Reinhard: Erläuterungen zu Friedrich Dürrenmatt, Der Besuch der alten Dame, Hollfeld: Bange 1991, ISBN 3-8044-0359-X



Kaestler, Reinhard: Erläuterungen zu Friedrich Dürrenmatt, Der Meteor, Hollfeld: Bange 1991, ISBN 3-8044-0273-9



[1]Goertz, Heinrich: Duerrenmatt, Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH 1987, Seite 19





[2]Kaestler, Reinhard: Erläuterungen zu Friedrich Dürrenmatt, Der Meteor, Hollfeld: Bange 1991, Seite 13



[3]Dürrenmatt, Friedrich: Die Physiker. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite 73



[4]Dürrenmatt, Friedrich: Die Physiker. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite 74



[5]Dürrenmatt, Friedrich: Die Physiker. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite 77





[6]Dürrenmatt, Friedrich: Die Physiker. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite 85



[7]Kaestler, Reinhard: Erläuterungen zu Friedrich Dürrenmatt, Die Physiker, Hollfeld: Bange 1991, Seite 71



[8]Kaestler, Reinhard: Erläuterungen zu Friedrich Dürrenmatt, Die Physiker, Hollfeld: Bange 1991, Seite 62

[9]Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite 50





[10]Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite 124



[11]Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite 142



[12]Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite 141





[13]Dürrenmatt, Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite 17





[14]Dürrenmatt, Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite 34



[15]Dürrenmatt, Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite 59



[16]Dürrenmatt, Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite 61



[17]Dürrenmatt, Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite 83



[18]Dürrenmatt, Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite 90



[19]Dürrenmatt, Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite 91



[20]Dürrenmatt, Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite 95





[21]Dürrenmatt, Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite 13



[22]Dürrenmatt, Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite 13



[23]Dürrenmatt, Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite 59



[24]Dürrenmatt, Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite 94



[25]Dürrenmatt, Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite 95



[26]Dürrenmatt, Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite 95



[27]Kaestler, Reinhard: Erläuterungen zu Friedrich Dürrenmatt, Der Meteor, Hollfeld: Bange 1991, Seite 64

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