Preußen - Gescheiterte Revolution von 1848 - Beginn 1 WK

Preußen - Gescheiterte Revolution von 1848 - Beginn 1 WK​ - ein Deutsch Referat

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chronologisches Dokument: Preußen, Gescheiterte Revolution von 1848, Dreiklassenwahlrecht, Situation der Arbeiter, Bismarcks Traum eines Deutschland unter preußischer Herrschaft, die Anfänge der Arbeiterbewegungen, Anfänge der Sozialdemokratie, Österreich

Wie Preussen nach der gescheiterten REvolution von 1848 hinter die Zeit der Stein-Hardenbergschen Reformen zurückfiel und es Postpferden besser ging als Arbeitern

Daß viele freiheitsliebende Deutsche ihre Heimat verließen

Das Scheitern der 48er Revolution bedeutete in Deutschland einen Triumph der Reaktion. Viele freiheitsliebende Deutsche wanderten aus. Zwischen 1850 und 1870 verließen etwa fünf Millionen ihre Heimat, um sich anderswo – vor allem in Amerika – eine neue Existenz aufzubauen.

Wie der Preußenkönig eine Verfassung gewährte, die durch Dreiklassenwahlrecht sicherstellte, daß die Masse der Bevölkerung nichts mitzureden hatte

Preußen fiel hinter die Stein-Hardenbergschen Reformen zurück. Eine Von Friedrich Wilhelm IV. “gewährte” “Verfassung” änderte daran nichts.

Sie sah einen aus zwei Kammern bestehenden Landtag vor. Wahlberechtigt waren alle männlichen Steuerzahler über 24 mit festem Wohnsitz. Der springende Punkt: ihre Einteilung in drei Steuerklassen (Dreiklassenwahlrecht). Jede dieser Klassen war durch ein Drittel der Wahlmänner eines Bezirks vertreten. Nur … in der ersten Klasse fand sich oft genug lediglich ein einzelner Grundbesitzer oder Fabrikant, während sich die Masse der Bevölkerung in der dritten Steuerklasse drängte.

Darüber hinaus benachteiligte die Wahlkreiseinteilung städtische Ballungszentren. Die Bürger der Stadt Trier beispielsweise mußten ihre Stimme in einem vier Wegstunden entfernten Dorf abgeben.

Die Stimmabgabe erfolgte öffentlich. Gewerbetreibenden wurde mit Entzug der Konzession, Arbeitern wurde mit Entlassung gedroht, für den Fall, daß sie nicht “richtig” – regierungstreu wählten. “… und auf den Gütern ließ der Inspektor die Wahlberechtigten in Reih’ und Glied antreten und geschlossen für den Gutsherrn als ihren Wahlmann stimmen.”

Gewählt wurden solcherart aber ledigleich die Abgeordneten der Zweiten Kammer. Die Angehörigen der Ersten Kammer (seit 1854 “Herrenhaus”) wurden nur durch Wähler der ersten Steuerklasse ermittelt. Die Erste Kammer konnte die in der Zweiten Kammer gefaßten Beschlüsse abschmettern. (Im Herrenhaus verfügten dann Vertreter des Hochadels über erbliche Sitze. Dazu kamen vom König ernannte Mitglieder.)

Daß das Königreich Preußen noch immer keine zusammenhängende Fläche bildete

Das Königreich Preußen bildete keine Zusammenhängende Fläche. Bis 1866 bestand es aus einem Ostteil (Mark Brandenburg, Pommern, West- und Ostpreußen, Großherzogtum Posen, Schlesien, Sachsen) und einem Westteil (Münsterland, südl. Westfalen, Rheinprovinz, Saarland). Truppenverschiebungen zwischen Ost- und Westteil erfolgten über “Vertragsstraßen”, die durch das Königreich Hannover und das Kurfürstentum Hessen führten.

Daß es nach der 48er Revolution statt eines deutschen Nationalstaates wieder den “Deutschen Bund” gab

Statt eines deutschen Nationalstaates gab es nun – nach dem Scheitern der 48er Revolution – wieder den “Deutschen (Fürsten-) Bund”, in dem Einigkeit nur herrschte, wenn es um Unterdrückungsmaßnahmen ging (Beschlüsse von 1854, insb. Vereinsgesetzgebung). Ansonsten war das im “Deutschen Bund” herrschende Klima durch den Machtkampf zwischen Preußen und Österreich bestimmt.

Daß Otto von Bismarck Vertreter Preußens im “Bun-des­tag” war

Daß Bismarck ein erzreaktionärerJunker war













Daß Bismarck Eisen und Blut als für den Geschichtsprozeß wichtige Substanzen erkannte, …


… daß Bismarck mit Realitäten zu wirtschaften verstand und deshalb das Bündnis mit dem wirtschaftlich erstarkenden liberalen Großbürgertum suchte

Der deutsche “Bundestag” war die ständige Botschafterkonferenz des Deutschen Bundes. Vertreter Preußens war seit 1851 Otto von Bismarck, der gute Gründe hatte, sich gegen jedwede Reform der bestehenden Gesellschaftsordnung zu stellen: “Ich bin ein Junker und will meinen Vorteil davon haben!”

Er, der mütterlicherseits aus dem gebildeten Bürgertum stammte, verachtete gleichzeitig seine Standesgenossen aus dem Landadel:

“Mein Umgang besteht in Hunden, Pferden und Landjunkern, und bei den letzteren erfreue ich mich einigen Ansehns, weil ich Geschriebenes mit Leichtigkeit lesen kann, mich zu jeder Zeit wie ein Mensch kleide, und dabei ein Stück Wild mit der Akkuratesse eines Metzgers zerwirke, ruhig und dreist reite, ganz schwere Zigarren rauche und meine Gäste mit freundlicher Kaltblütigkeit unter den Tisch drinke …”

Die Verachtung, die Bismarck für die Frankfurter Paulskirchen-Versammlung empfand, kommt in einem seiner berühmtesten Aussprüche zum Ausdruck:

“Nicht durch Reden und Parlamentsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Eisen und Blut.”

Von seinen Standesgenossen unterschied ihn auch die Fähigkeit, die Zeichen der Zeit zu erkennen: “Wir müssen mit den Realitäten wirtschaften und nicht mit Fiktionen”. Realität war ein wirtschaftlich erstarkendes liberales Großbürgertum, mit dem er das Bündnis suchte.

Einige Zahlen zur wirtschaftlichen Entwicklung:

Steinkohleförderung auf dem Gebiet des Zollvereins: 1848 4,5 Mio t, 1860 über 12 Mio t, 1871 knapp 30 Mio t.

Eisenerzförderung: 1848 0,7 Mio t, 1869 mehr als 3 Mio t.

Daß es bei allem wirtschaftlichen Aufschwung den Postpferden besser ging als den Arbeitern

Die Löhne der Arbeiter sanken demgegenüber. Streik und gewerkschaftlicher Zusammenschluß waren ihnen verboten. Die Unterhaltskosten eines Postpferdes lagen höher als das Einkommen mancher Arbeiterfamilie. Armut und Krankheit gingen Hand in Hand: Jeder dritte Tagelöhner in Berlin starb an Tuberkulose.

Wie Österreich einen Krieg und darauf einen Teil seiner italienischen Besitzungen verlor und Italien zum Nationalstaat wurde

Wie die Habsburger, die Bourbonen und der Papst Italien unter sich aufgeteilt hatten

· Auf dem Wiener Kongreß war den Habsburgern Venetien als Beute zugefallen und mit dem Herzogtum Mailand zum Lombardo-Venezia­ni­schen Königreich vereinigt worden.

Napoleon hatte die Republik Venedig zerschlagen und Venetien schon 1797 im Frieden von Campo Formio vorübergehend Österreich überlassen. Das Herzogtum Mailand war bereits nach dem spanischen Erbfolgekrieg 1714 österreichisch geworden.

· In anderen Territorien Norditaliens, die nicht direkt mit Österreich vereinigt waren (Parma, Modena, Toskana) waren seit dem 18. Jahrhundert habsburgische Seitenlinien an der Macht.

· Im Königreich Neapel,

dem “Königreich beider Sizilien”, (das seit dem spanischen Erfolgekrieg österreichisch gewesen, 1735 aber im Tausch gegen Parma und Piacenca an die spanischen Bourgonen abgetreten worden war)

herrschte eine spanisch-bourbonische Seitenlinie.

· Zwischen den Habsburgischen und den bourbonischen Territorien lag der Kirchenstaat, in dem der Papst seit der Niederlage der 48er Revolution unter dem Schutz französischer Bajonette regierte.

Daß sich die Hoffnungen der italienischen Nationalisten auf Sardinien-Piemont, den einzigen selbständigen Staat Italiens richteten

Die Hoffnungen des “Risorgimento” (“Wiedererstehung”), der bürgerlich-nationalen Bewegung Italiens richteten sich auf Karl Albert von Sardinien-Piemont, den Regenten des einzigen selbständigen Staates Italiens, der unter dem Eindruck der 48er Revolution eine liberale Verfassung verkündet hatte, die auch für das spätere Königreich Italien verbindlich wurde und formal bis 1946 in Kraft blieb. 1849 folgte ihm Viktor Emmanuel (II.).

Wie Österreich bei Solferino 1859 die Lombardei an Sardienien-Piemont verlor

Ministerpräsident Camillo Cavour brachte ein Abkommen mit Napoleon III. zustande, das Sardinien-Piemont wohl Savoyen und Nizza kostete, aber die Unterstützung Frankreichs im Krieg mit Österreich sicherte. Die Österreicher verloren 1859 die Schlachten von Magenta und Solferino und traten die Lombardei an Sardinien-Piemont ab.

Daß der Schweizer Henry Dunant das Elend der Verwundeten von Solferino sah und die Bildung einer Hilfsorganisation anregte

Der Schweizer Henry Dunant hatte auf dem Schlachtfeld von Solferino das Elend der Verwundeten gesehen. Er regte an, freiwillige Hilfsorganisationen zur Unterstützung des militärischen Sanitätsdienstes zu schaffen. 1863 konstituierte sich das “Internationale Komitee zur Unterstützung der Verwundeten”, das 1876 in “Internationales Komitee vom Roten Kreuz” (rotes Kreuz: Umkehrung des Schweizer Wappens) umbenannt wurde.

Einem ersten Genfer Rotkreuz-Abkommen (“Konvention zur Verbesserung des Loses der verwundeten Soldaten der Armeen im Felde”) traten 1864 sechzehn Staaten bei.

Wie es 1860 zur Einigung Italiens kam

Venetien verblieb einem französisch-österreichischen Abkommen zufolge bei Österreich. Die im Protest dagegen entstandene Bewegung steigerte sich zur Revolution: Volksaufstände und die Freischärler Garibaldis stürzten die habsburgische und bourbonische Fürstenherrschaft und führten 1860 zur Einigung Italiens. Im März 1861 wurde Viktor Emmanuel zum König Italiens ausgerufen.

Lediglich der Papst widersetzte sich mit seinen Ansprüchen der Einigung und stützte sich dabei weiterhin auf französische Truppen, bis diese anderweitig gebraucht werden (deutsch-französicher Krieg 1870/71) und Rom, die “natürliche Hauptstadt” Italiens, freigeben sollten.



Die Schlappe von Solferino veranlaßte die österreichische Führung zu – unzureichenden – innenpolitischen Zugeständnissen. Verfassungsentwürfe von 1860 (“Oktoberdi­plom”) und 1861 (“Februarpatent”) stießen auf allgemeine Ablehnung und besonders die der Ungarn.

Wie Bismarck zielstrebig auf ein kleines Deutschland unter preussischer führung hinarbeitete und 1866 bei Königgrätz den Entscheidungskampf gegen Österreich gewann

Daß Wilhelm I. 1861 den preußischen Thron bestieg und sich 1862 Bismarck als starken Mann holte

1861 wurde der “Kartätschenprinz”, der sich 1849 durch den rücksichtslosen Einsatz gehackten Bleis gegen die Revolutionäre diesen Beinamen erworben hatte, als Wilhelm I. zum Preußenkönig gekrönt. 1862 berief er Bismarck als Ministerpräsidenten.

Daß Preußen und Österreich dänische Ansprüche auf Schleswig-Holstein zurückwiesen, und daß dessen gemeinsame Verwaltung den Konfliktstoff für den von Bismarck angestrebten Entscheidungskampf bot



Im Zusammenhang mit einem dynastischen Wechsel in Dänemark wurde 1863 die schleswig-holsteinische Frage wieder akut. Der neue dänische König (Christian IX.) riskierte in der Hoffnung auf englische Unterstützung den Krieg, den österreichische und preußische Truppen 1864 durch ihren Sieg bei den Düppeler Schanzen entschieden. Aus der zwischen Preußen und Österreichern aufgeteilten Verwaltung Schleswig-Holsteins ergab sich der Konflikstoff, der Bismarck eine Möglichkeit bot, die Entscheidung im österreichisch-preußischen Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland herbeizuführen.

Wie bei Königgrätz 1866 mit einem preußischen Sieg die Entscheidung für die “Kleindeutsche Lösung” fiel

Bald nach Ausbruch des preußisch-österreichischen Krieges, im Juli 1866, brachten die – bereits mit Hinterladern (Zündnadelgewehr) bewaffneten – preußischen Truppen den Österreichern die entscheidende Niederlage von Königgrätz (Sadowa) bei. Sie drangen rasch bis Korneuburg und Preßburg vor. Bismarck verzichtete aber auf die Demütigung einer Macht, der er für die Zukunft die Rolle eines dengen Verbündeten zugedacht hatte: Weder besetzten die Preußen Wien, noch bestanden sie auf Gebietsabtretungen. Statt dessen wurden einige mit Österreich verbündete deutsche Staaten dem Königreich Preußen einverleibt (Hannover, Kurhessen, Nassau, Frankfurt/M.). Kaiser Franz Josef sollte Österreich dafür dann aus dem deutsch-französischen Krieg heraushalten (“Ich bin ein deutscher Fürst”)[ii].

Wie das mit Preußen verbündete Italien trotz Lissa und Tegetthoff Venetien bekam

Gegen die an der Seite Preußens in den Krieg eingetretenen italienischen Truppen hatten die Österreicher – vergeblich -bei Custoza (unter Erzherzog Albrecht) zu Lande und (unter Admiral Tegetthoff) bei Lissa zur See gesiegt. Denn nach der Niederlage von Königgrätz wurde der Großteil der in Italien kämpfenden Truppen für die Verteidigung Wiens abgezogen. Die Italiener drangen darauf bis an den Isonzo vor.

Der nach dem Verlust Venetiens 1866 bei Österreich verbliebene Rest der “Italia irredenta” (Triest, Istrien, Görz, Trentino) kam erst nach dem Ersten Weltkrieg an Italien.

Daß Preußen nun ein zusammenhängendes Gebiet bildete

Preußen bildete nun einen Länderblock, der im Westen an die Niederlande, Belgien und Frankreich grenzte und im Osten bis tief in polnisches und litauisches Gebiet reichte.

Wie dem “Reich” das Provisorium des “Norddeutschen Bundes” voranging

An die Stelle des nun aufgelösten “Deutschen Bundes” trat noch 1866 der “Norddeutsche Bund”, in dem nun zwei Drittel der Bevölkerung Untertanen des Königs von Preußen waren. Das erbliche Präsidentenamt im Norddeutschen Bund kam den Hohenzollern zu. Es gab sogar eine direkt (aber nicht geheim) gewählte Volksvertretung – den “Reichstag”, dessen Mitwirkungsmöglichkeiten allerdings auf’s Wirtschaftliche beschränkt blieben. Ein Zeitgenosse formulierte daher: “Die Verfassung des Norddeutschen Bundes hat drei Paragraphen. Der eine heißt Steuerzahlen, der zweite Soldatwerden, der dritte Maulhalten.”

Wie die Niederlage von Königgrätz den österreichisch-ungarischen Ausgleich und das Staatsgrundgesetz von 1867 zur Folge hatte

Wie nach Königgrätz Ungarn ein selbständiger Staat wurde, …

Die Niederlage von Königgrätz zog 1867 den österreichisch-ungarischen Ausgleich nach sich. Aus dem Kaiserreich Österreich wurde Österreich-Ungarn. Die Leitha trennte die beiden Reichsteile, die inoffiziell daher Zisleithanien und Transleithanien genannt wurden.

Zum österreichischen – zisleithanischen – Reichsteil gehörten (außer den eigentlich österreichischen Gebieten) Böhmen, Mähren, Schlesien, Görz, Dalmatien, Galizien, die Bukowina, Krain, Istrien und Triest.

Zum ungarischen – transleithanischen Reichsteil gehörten (außer Ungarn) Transsylvanien, Kroatien, Slawonien, die Vojvodina, das Banat, die Slowakei, die Kapartoukraine und Fiume (Rijeka).

… der nur die Person des Monarchen, die Außenpolitik, das Heer und das Finanzwesen mit Österreich gemeinsam hatte

Österreich und Ungarn waren durch Personalunion des Kaisers von Österreich mit dem König von Ungarn, durch gemeinsame Außenpolitik, gemeinsames Heer und gemeinsames Finanzwesen verbunden. Ansonsten machte der Ausgleich Ungarn zu einem selbständigen Staat. Gemeinsame Ausgaben sollten von Österreich und Ungarn im Verhältnis 70:30 getragen werden.

Daß der österreichisch-ungarische Ausgleich das Nationalitätenproblem nicht löste

Der Ausgleich löste selbstverständlich die Nationalitätenfrage des Habsburgerreiches nicht: “Daß die Länder der böhmischen Krone eine ähnliche Stellung erhalten hätten wie Ungarn, scheiterte an den sich verschärfenden Gegensätzen zwischen den sechs Millionen Teschechen und den drei Millionen Deutschen in diesen Gebieten. Ebensowenig schien die Schaffung einer Südslawischen Sonderstellung gegen den Widerstand der Ungarn durchsetzbar. In Ungarn wurden zudem die Slowaken und Rumänen als ‘Bedienten­nationen’ behandel, und alle Anderssprachigen waren einem starken Magyarisierungsdruck ausgesetzt. In Galizien beharrten der polnische Kleinadel und das Bürgertum auf ihren Vorrechten gegenüber den Ruthenen (Ukrainern), im Küstenland und in Dalmatien bestanden die Italiener auf ihren noch auf die venezianische Zeit zurückgehenden Privilegien.”[iii]

Wie das Staatsgrundgesetz von 1867 den Bürgern Grundrechte zugestand

Das Staatsgrundgesetz von 1867 (“Dezemberverfassung”) gestand den Bürgern Zisleithaniens eine Reihe von Grundrechten zu. Ein neues Vereinsgesetz erleichterte die Bildung politischer Vereine. Die diversen Wahlordnungen, die in den frühen Sechzigern erlassen worden waren, regelten nach wie vor Gemeinde- und Landtagswahlen zum Vorteil der Besitzenden. Das Sagen hatten dementsprechend die Konservativen und die großbürgerlichen Liberalen.

Daß das Wahlrecht von einer gewissen Mindeststeuerleistung abhängig war (“Zensuswahlrecht”)



Daß nur ca. sechs Prozent der Bevölkerung wählen durften

Das Gemeindewahlrecht war an die Bedingung einer bestimmten (in verschiedenen Regionen unterschiedlichen) Steuerleistung (Zensus) geknüpft. Nach ihrer Steuerleistung wurden die Wähler zwei bis drei Wahlkörpern zugeordnet, deren einzelne Stimmen unterschiedliches Gewicht hatten.

Frauen waren von den Wahlen generell ausgeschlossen. Der Anteil der Stimmberechtigten bei den Wiener Gemeinderatswahlen betrug am Ende der Sechzigerjahre etwas mehr als vier Prozent der Bevölkerung Wiens. Österreichweit waren ca. Sechs Prozent der Bevölkerung wahlberechtigt.

Daß die Wahlberechtigten in Wählerklassen eingeteilt waren, deren Stimmen ungleich zählten

Das Landtagswahlrecht sah (nicht in Ungarn, wo es wohl Zensuswahlrecht aber keine Kurien gab) Wählerklassen – “Kurien” vor:

· Großgrundbesitz

· Handels- und Gewerbekammern

· Städte

· Landgemeinden

Zur Wahl eines Abgeordneten benötigten die Kurien ungleich viele Stimmen: wenige der Großgrundbesitz, viele die Landgemeinden.



Nur der “bessere” Teil – etwa ein Drittel – der für die Gemeindewahlen zugelassenen Wählerschaft war in den beiden letzten Kurien wahlberechtigt.

Die Wahlen waren ursprünglich öffentlich. Stimmzettel kamen erst nach und nach zur Anwendung.

Die Abgeordneten des Reichstags wurden bis 1873 von den Landtagen delegiert. Danach wurden sie von den Wählern (deren Zahl durch Zensuswahlrecht stark eingeschränkt blieb) in direkter Wahl ermittelt.

1882 wurde der Zensus von zehn auf fünf Gulden (Steuerleistung pro Jahr) herabgesetzt.

1905 wurde eine fünfte Kurie für jene Männer geschaffen, die weniger als fünf Gulden an Steuern zahlten.

Wie den Männern Österreichs 1907 das allgemeine Wahlrecht zugestanden wurde

Als 1905 eine der katastrophalen Niederlage im russisch-japanischen Krieg folgende Revolution selbst den Russen vorübergehend das allgemeine Wahlrecht verschaffte, schien es den Machthabern Österreich-Ungarns geraten, der von den Sozialdemokraten schon seit langem erhobenen Forderung nach dem allgemeinen Wahlrecht zu entsprechen. Die zuerst in der ungarischen Reichshälfte zugesicherte Wahlrechtsreform wurde schließlich – 1907 – nur in Österreich durchgeführt. Allerdings war dann das Wahlrecht immer noch den Männern vorbehalten.



Wie sich in den Sechzigern in Deutschland und Österreich die Arbeiterbewegung regte

Wie Ferdinand Lassalle 1863 den “Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein” (ADAV) begründete

Seit Anfang der Sechziger regte sich die Arbeiterbewegung von Neuem in der Form von Arbeiterbildungsvereinen. Ferdinand Lassalle entwarf ein Programm, das der 1863 in Leipzig abgehaltene allgemeine deutsche Arbeiterkongreß annahm. Darin wird unter anderem die Forderung nach Beteiligung der Arbeiter am Ertrag der Produktion, nach dem Aufbau von Arbeiterproduktionsgenossenschaften sowie staatlicher Kredithilfe dabei und nach Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts erhoben. Lassalle wurde zum Präsidenten des des “Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins” (ADV) gewählt. Die bekannten Verse “Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will” stammen aus dem von Georg Herwegh gedichteten Bundeslied.

Wie sich die Arbeitervereine 1868 der “Internationale” anschlossen

Seit 1865 kam es zu Streikbewegungen und die Zigarrenarbeiter bildeten die erste gesamtdeutsche Gewerkschaft. Die Buchdrucker folgten 1866.

1868 schlossen sich auf dem 5. Vereinstag des Verbands deutscher Arbeitervereine in Nürnberg die dort vertretenen 93 Vereine der 1864 in London gegründeten (Ersten) Internationale (“Internationale Arbeiter-Vereinigung”) an. Führender Kopf der Internationale war Karl Marx.

An dieser Stelle empfiehlt sich vielleicht bereits ein Blick auf die spätere Entwicklung der “Internationalen”:

Daß es auch eine sozialdemokratische Zweite, eine kommunistische Dritte und dazwischen vorübergehend eine Wiener “Zweieinhalbte” Internationale gegeben hat

Die Erste Internationale löste sich 1876 nach innerer Spaltung auf. Von ihr waren die Impulse zur Bildung von Arbeiterparteien in den diversen Ländern augegangen.

Die unter Mitwirkung von Friedrich Engels 1889 gegründete Zweite Internationale marxistisch-sozialdemokratischer Arbeiterparteien machte den ersten Mai zum internationalen Kampftag der Arbeiterklasse (1890 erstmals begangen). Im Mittelpunkt der am ersten Mai erhobenen Forderungen stand der Ruf nach dem Achtstundentag. Die Zweite Internationale zerfiel mit Beginn des Ersten Weltkriegs. Sie wurde 1919 von reformistischen sozialistischen Parteien neu gegründet, während sich in Wien 1921 die österreichischen Sozialdemokraten, die im Krieg von der SPD abgespaltene USPD und andere linkssozialistische Parteien zur “Zweieinhalbten” Internationale vereinigten, die zwischen der Zweiten und der kommunistischen Dritten Internationale (Komintern, gegründet 1919 in Moskau) zu vermitteln suchte, diesen Versuch aber bereits 1922 als gescheitert betrachtete, worauf sie sich wieder der Zweiten Internationale anschloß.

Wie es – neben dem ADAV – zur Gründung einer Sozialdemokratischen Arbeiterpartei kam

Die Männer, die hinter dem Anschluß der Arbeitervereine an die Internationale und hinter der Gründung einer Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (neben dem ADV) standen, die 1869 in Eisenach erfolgte, waren August Bebel und Wilhelm Liebknecht, beide Abgeordnete im Parlament des “Norddeutschen Bundes”, dem “Reichstag”.

In dem von Bebel ausgearbeiteten Programm heißt es:

“Die heutigen politischen und sozialen Zustände sind im höchsten Maße ungerecht … Der Kampf für die Befreiung der arbeitenden Klasse ist nicht ein Kampf für Klassenprivilegien und Vorrechte, sondern für gleiche Rechte und gleiche Pflichten und für die Abschaffung aller Klassenherrschaft …”

Die Sozialdemokratie war noch keine Massenbewegung. Auf der Gründungsversammlung vertraten 262 Delegierte etwas mehr als zehntausend Arbeiter.

Daß 1867 in Wien ein erster Arbeiterbildungsverein gegründet wurde

Entsprechend den Möglichkeiten, die die Dezemberverfassung von 1867 bot, organisierte sich die österreichische Arbeiterschaft zunächst in “Arbei­terbildungs­vereinen”, deren erster noch im Jahre 1867 gegründet wurde.

Daß die Wiener Arbeiter sich allgemeines Wahlreicht und Koalitionsrecht wünschten, aber nur letzteres bekamen

1869 kam es zu einer Massendemonstration der Wiener Arbeiter, die das allgemeine Wahlrecht, das Recht Gewerkschaften zu bilden (Koalitions­recht) und die Aufstellung eines Volksheeres forderten, worauf die Organisatoren der Veranstaltung wegen Hochverrats angeklagt und zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Im Jahr darauf (1870) erhielten die Arbeiter aber das Koalitionsrecht.

Wie Bismarck Napoleon III. dazu verleitete, Preussen den Krieg zu erklären

Wie Napoleons mexikanisches Abenteuer mit einer Blamage und dem Tod Maximilians endete

Napoleon III. hatte sich im Zusammenhang mit dem österreichisch-preußischen Krieg vergebliche Hoffnungen auf die Erwerbung linksrheinischer Gebiete gemacht. Und auch das mexikanische Abenteuer hatte zu einem eklatanten Mißerfolg geführt.

Die 1813 erklärte Unabhängigkeit Mexikos wurde 1821 von Spanien anerkannt. Augustín de Itúrbide, der im Kampf um die Unabhängigkeit eine führende Rolle gespielt hatte, ließ sich 1822 als Augustín I. zum Kaiser ausrufen, wurde jedoch 1823 gestürzt und 1824 von Republikanern erschossen. Mexiko erklärte sich im gleichen Jahr zur Bundesrepublik. Die inneren Gegensätze führten zu chaotischen Zuständen in der jungen Republik und ließen sie zum Spielball fremder Mächte werden. In den Jahren 1833 bis 1855 regierte General Antonio López de Santa Ana, der seine Karriere als Liberaler begonnen hatte, dann aber ins klerikal-konservative Lager (Großgrundbesitzer, hohe Geistlichkeit, Militärs) übergelaufen war, als Diktator. Unter seiner Herrschaft verlor Mexiko einen beträchtlichen Teil seines Gebietes an die USA: 1836 erklärte Texas seine Unabhängigkeit und schloß sich 1845 den USA an. Der Frieden von Guadelupe Hidalgo beendete den Mexikanisch-Nordamerikanischen Krieg (1846 – 1848) und brachte weitere territoriale Verluste mit sich (Oberkalifornien, Neumexiko, Teile von Sonora, Coahuila, Tamaulipas).

Diese Katastrophe gab der bürgerlich-revolutionären Bewegung Auftrieb, die der Militärdiktatur Santa Anas ein Ende setzte und dem Land (1857) eine bürgerlich-lieberale Verfassung gab (Grundrechte, Aufhebung der Sklaverei, Abschaffung der Adelstitel und Standesprivilegien). Präsident dieser Republik wurde Benito Juárez (bis 1872).

Die Klerikal-Konservativen reagierten auf die einschneidenden Reformen Juárez’ (Trennung von Kirche und Staat, Schließung der Klöster, Enteignungen) mit einem erbitterten Bürgerkrieg (1857 – 1860), dessen wirtschaftliche Auswirkungen Juárez zwangen, die Zahlung von Auslandsschulden einzustellen, was Frankreich, England und Spanien (1861) zum Vorwand für eine bewaffnete Intervention nahmen. England und Spanien zogen ihre Truppen schon im folgenden Jahr zurück, Napoleon III. jedoch setzte das mexikanische Abenteuer mit der Absicht fort, Mexiko zu einem Satellitenstaat zu machen, an dessen Spitze Erzherzog Maximilian, der Bruder Kaiser Franz Josephs, als “Kaiser” von Mexiko stehen sollte.

Maximilians ehrgeizige Pläne endeten an einer Häuserwand in Querétaro.


Daß Napoleon dringend einen außenpolitischen Erfolg brauchte und sich von Bismarck zu einer Kriegserklärung verleiten ließ

Napoleon III. brauchte dringend einen außenpolitischen Erfolg. Es fiel Bismarck daher nicht schwer, den Krieg mit Frankreich herbeizuführen, und die Franzosen als Angreifer und Feinde der deutschen nationalen Einigung erscheinen zu lassen. Die Mehrzahl der deutschen Feinde Preußens sahen den bevorstehenden Krieg tatsächlich als patriotischen Verteidigungskrieg. Durch die Verfälschung eines Telegramms

(“Emser Depesche”: durch Umformulierungen von Bismarck bewußt verschärfte Ablehnung Wilhelms bzgl. der Forderungen Frankreichs im Zusammenhang mit einer Hohenzollernschen Thronkandidatur in Spanien)

half Bismarck etwas nach und verleitete Napoleon zur Kriegserklärung.

Daß 1870 bei Sedan die Entscheidung fiel …







… der Krieg damit aber noch nicht zu Ende war

Die Entscheidung fiel schon einige Wochen nach Kriegsbeginn bei Sedan. Die französische Armee kapitulierte am 2. September 1870. Etwa hunderttausend Franzosen gerieten in deutsche Kriegsgefangenschaft, darunter Napoleon III. selbst.

Die Bevölkerung von Paris erzwang nach der Katastrophe von Sedan die Republik, an deren Spitze eine “Regierung der nationalen Verteidigung trat, die sich aus Vertretern der Opposition zusammensetzte.

Das Ende des Kaiserreichs aber war nicht das Ende des Kriegs.

“ … mit den wirklichen Führern der Arbeiter noch in den Gefängnissen und mit den Preußen schon im vollen Marsch auf Paris, duldete Paris ihre Ergreifung der Staatsmacht; aber nur auf die ausdrückliche Bedingung hin, daß diese Staatsmacht dienen sollte einzig und allein zum Zweck der nationalen Verteidigung.”[iv]



Für die Deutschen bestand kein Grund, den Krieg weiterzuführen. Aber Bismarck gab nun Anweisung, “daß weniger Gefangene gemacht und mehr die Vernichtung des Feindes … ins Auge gefaßt” würde.

Die deutschen Sozialdemokraten forderten Verzicht auf Eroberungen und Frieden mit der – nunmehr dritten – französischen Republik. Soweit die Behörden führender Sozialdemokraten habhaft werden konnten, wanderten diese ins Gefängnis.

Wie die Pariser Arbeiter sich 1871 einen sozialistischen Staat schaffen wollten und deshalb statt der Preussen von den Truppen der Regierung der “nationalen Verteidigung” bekämpft wurden

Daß die französische Regierung ihre Aufgabe weniger in der “nationalen Verteidigung” als in der Verhinderung der sozialen Revolution sah und sich unter Preisgabe Elsaß-Lothringens schleunigst mit den Preußen einigte

Die französische Regierung sah ihre Aufgabe weniger in der “nationalen Verteidigung” als in der Verhinderung einer sozialen Revolution. Sie fürchtete die bewaffneten und zur Verteidigung entschlossenen Massen von Paris mehr als die Preußen. weshalb Ministerpräsident Adolphe Thiers schleunigst (Ende Jänner 1871) mit den Preußen einen Waffenstillstand schloß und der Abtretung Elsaß-Lothringens sowie einer Zahlung von 5 Mrd. Goldfranc zustimmte.

“Das Geschütz der Nationalgarde, sagte Thiers, gehört dem Staat und muß dem Staat wiedergegeben werden. Die Tatsache ist diese: Von dem Tag der Kapitulation an … stand Paris auf der Wacht. Die Nationalgarde [seit 1789 bestehende und mehrfach aufgelöste und reorganisierte Bürgermiliz und Heeresreserve] reorganisierte sich und vertraute ihre Oberleitung einem Zentralkomitee an, das durch ihre ganze Masse, einige der alten bonapartistischen Abteilungen ausgenommen, erwählt war. Am Vorabend des Einmarsches der Preußen in Paris besorgte das Zentralkomitee den Transport nach Montmartre, La Vilette der von den Capitulards [“Kapitulierern”] verräterischerweise in und bei den von den Preußen zu besetzenden Stadtteilen zurückgelassenen Kanonen und Mitrailleusen. Dies Geschütz war durch die Beiträge der Nationalgarde selbst beschafft worden. Als ihr Eigentum war es amtlich anerkannt … und in dieser besonderen Eigenschaft ausgenommen worden von der allgemeinen Ablieferung der dem Staat gehörenden Waffen an den Sieger …

Die Beschlagnahme des Geschützes sollte nur dienen als Vorspiel der allgemeinen Entwaffnung von Paris und damit der Entwaffnung der Revolution vom 4. September. Aber diese Revolution war der gesetzliche Zustand Frankreichs geworden. Die Republik, ihr Werk war im Wortlaut der Kapitulation vom Sieger anerkannt. … Die Pariser Arbeiterrevolution vom 4. September war der einzige Rechtstitel der Nationalversammlung in Bordeaux und ihrer vollziehenden Gewalt.”[v]

Wie man der Pariser Nationalgarde ihre Kanonen wegnehmen wollte

Am 18. März drangen französische Linientruppen in die Außenbezirke von Paris ein, um der Nationalgarde die Kanonen wegzunehmen, die sie dem Zugriff der Deutschen entzogen hatte. Die Soldaten verbrüderten sich jedoch mit der nur zum Teil bewaffneten wütenden Menge von Frauen und Männern, die ihnen entgegentrat. Zwei Generäle (Lecomte und Clément Thomas) wurden von ihren eigenen Männern niedergemacht.

“Einer der bonapartistischen Offiziere, der bei dem nächtlichen Überfall auf Montmartre eine Rolle spielte, General Lecomte, hatte viermal dem 81. Linienregiment befohlen, auf einen unbewaffneten Haufen in der Place Pigalle zu feuern; als die Truppen sich weigerten, schimpfte er sie wütend aus. Statt Weiber und Kinder zu erschießen erschossen seine einen Leute ihn selbst. … Dieselben Leute richteten auch Clément Thomas hin.”[vi]

Wie im März 1871 mit der Pariser Kommune ein sozialistischer Staat begründet wurde

Am gleichen Tag begann mit der Errichtung der “Kommune von Paris” der erste Versuch der Errichtung eines sozialistischen Gemeinwesens. Die Arbeiten, die Karl Marx über die Pariser Kommune verfaßt hat, vermitteln uns die parteiergreifende Sicht eines kritischen Zeitgenossen und darüber hinaus einen Einblick in sein Verständnis von Sozialismus:

Daß nach Karl Marx die Arbeiterklasse nicht einfach den bestehenden Staatsapparat in Besitz nehmen kann

“ … die Arbeiterklasse kann nicht die fertige Staatsmaschinerie einfach in Besitz nehmen und diese für ihre eignen Zwecke in Bewegung setzen. …

Der Ruf nach der “sozialen Republik”, womit das Pariser Proletariat die Februarrevolution [1848] einführte, drückte nur das unbestimmte Verlangen aus nach einer Republik, die nicht nur die monarchische Form der Klassenherrschaft beseitigen sollte, sondern die Klassenherrschaft selbst. Die Kommune war die bestimmte Form dieser Republik.



Paris, der Mittelpunkt und Sitz der alten Regierungsmacht und gleichzeitig der gesellschaftliche Schwerpunkt der französischen Arbeiterklasse, Paris hatte sich in Waffen erhoben gegen den Versuch des Thiers und seiner Krautjunker, diese ihnen vom Kaisertum überkommne alte Regierungsmacht wiederherzustellen und zu verewigen. Paris konnte nur Widerstand leisten, weil es infolge der Belagerung die Armee losgeworden war, an deren Stelle es eine hauptsächlich aus Arbeitern bestehende Nationalgarde gesetzt hatte. Diese Tatsache galt es jetzt in eine bleibende Einrichtung zu verwandeln. Das erste Dekret der Kommune war daher die Unterdrückung des stehenden Heeres und seine Ersetzung durch das bewaffnete Volk.

Daß die Kommune aus den nach allgemeinem Stimmrecht gewählten Stadträten bestand und gleichzeitig gesetzgebende und vollziehende Gewalt sein sollte

Die Kommune bildete sich aus den durch allgemeines Stimmrecht in den verschiedenen Bezirken von Paris gewählten Stadträten. Sie waren verantwortlich und jederzeit absetzbar. Ihre Mehrzahl bestand selbstredend aus Arbeitern oder anerkannten Vertretern der Arbeiterklasse. Die Kommune sollte nicht eine parlamentarische, sondern eine arbeitende Körperschaft sein, vollziehend und gesetzgebend zu gleicher Zeit. Die Polizei, bisher das Werkzeug der Staatsregierung, wurde sofort aller iher politischen Eigenschaften entkleidet und in das verantwortliche und jederzeit absetzbare Werkzeug der Kommune verwandelt. Ebenso die Beamten aller andern Verwaltungszweige. Von den Mitgliedern der Kommune abwärts, mußte der öffentliche Dienst für Arbeiterlohn besorgt werden. … Nicht nur die städtische Verwaltung, sondern auch die ganze, bisher durch den Staat ausgeübte Initiative wurde in die Hände der Kommune gelegt.



Das stehende Heer und die Polizei, die Werkzeuge der materiellen Macht der alten Regierung, einmal beseitigt, ging die Kommune sofort darauf aus, das geistliche Unterdrückungswerkzeug, die Pfaffenmacht, zu brechen; sie dekretierte die Auflösung und Enteignung aller Kirchen, soweit sie besitzende Körperschaften waren. … Sämtliche Unterrichtsanstalten wurden dem Volk unentgeltlich geöffnet und gleichzeitig von aller Einmischung des Staats und der Kirche gereinigt. …

Daß die Richter verantwortliche, absetzbare Beamte sein sollten

Die richterlichen Beamten verloren jene scheinbare Unabhängigkeit, die nur dazu gedient hatte, ihre Unterwürfigkeit unter alle aufeinanderfolgenden Regierungen zu verdecken, deren jeder sie, der Reihe nach, den Eid der Treue geschworen und gebrochen hatten. Wie alle übrigen öffentlichen Diener, sollten sie fernerhin gewählt, verantwortlich und absetzbar sein.

Die Pariser Kommune sollte selbstverständlich allen großen gewerblichen Mittelpunkten Frankreichs zum Muster dienen. … In einer kurzen Skizze der nationalen Organisation, die die Kommune nicht die Zeit hatte, weiter auszuarbeiten, heißt es ausdrücklich, daß die Kommune die politische Formselbst des kleinsten Dorfs sein und daß das stehende Heer auf dem Lande durch eine Volksmiliz mit äußerst kurzer Dienstzeit ersetzt werden sollte. Die Landgemeinden eines jeden Bezirks sollten ihre gemeinsamen Angelegenheiten durch eine Versammlung von Abgeordneten in der Bezirkshauptstadt verwalten, und diese Bezirksversammlungen dann wieder Abgeordnete zur Nationaldelegation in Paris schicken; die Abgeordneten sollten jederzeit absetzbar und an die bestimmten Instruktionen ihrer Wähler gebunden sein. Die wenigen, aber wichtigen Funktionen, welche dann noch für eine Zentralregierung übrigblieben, sollten nicht, wie dies absichtlich gefälscht worden, abgeschafft, sondern an kommunale, d.h. streng verantwortliche Beamte übertragen werden. Die Einheit der Nation sollte nicht gebrochen, sondern im Gegenteil organisiert werden durch die Kommunalverfassung; …



[Die Kommune] war wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfs der hervorbringenden gegen die aneignende Klasse, die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte. …

Daß die Kommune das Privateigentum an den Produktionsmitteln abschaffen wollte

Die Kommune, rufen sie [die “Fürsprecher der jetzigen Gesellschaft”] aus, will das Eigentum, die Grundlage aller Zivilisation, abschaffen! Jawohl, meine Herren, die Kommune wollte jenes Klasseneigentum abschaffen, das die Arbeit der vielen in den Reichtum der wenigen verwandelt. Sie beabsichtigte die Enteignung der Enteigner. Sie wollte das individuelle Eigentum zu einer Wahrheit machen, indem sie die Produktionsmittel, den Erdboden und das Kapital … in bloße Werkzeuge der freien und assoziierten Arbeit verwandelt.

Aber das ist der Kommunismus, der ‘unmögliche’ Kommunismus! Nun, diejenigen Leute aus den herrschenden Klassen, die verständig genug sind, die Unmöglichkeit der Fortdauer des jetzigen Systems einzusehn – und deren gibt es viele -, haben sich zu zudringlichen und großmäuligen Aposteln der genossenschaftlichen Produktion aufgeworfen. Wenn aber die genossenschaftliche Produktion nicht eitel Schein und Schwindel bleiben, wenn sie das kapitalistische System verdrängen, wenn die Gesamtheit der Genossenschaften die nationale Produktion nach einem gemeinsamen Plan regeln, sie damit unter ihre Leitung nehmen und der beständigen Anarchie und den periodisch wiederkehrenden Konvulsionen [Schüttelkrämpfe bei Erkrankungen des Nervensystems], welche das unvermeidliche Schicksal der kapitalistischen Produktion sind, ein Ende machen soll – was wäre das andres, meine Herren, als der Kommunismus, der ‘mögliche’ Kommunismus?

Daß die Arbeiterklasse nach Karl Marx keine Ideale zu verwirklichen, sondern nur dem Neuen zum Durchbruch zu verhelfen hat, das sich im Schoß des Alten entwickelt hat

Die Arbeiterklasse verlangte keine Wunder von der Kommune. Sie hat keine fix und fertigen Utopien durch Volksbeschluß einzuführen. Sie weiß, daß, um ihre eigne Befreiung und mit ihr jene höhre Lebensform hervorzuarbeiten, der die gegenwärtige Gesellschaft durch ihre eigne ökonomische Entwicklung unwiderstehlich entgegenstrebt, daß sie, die Arbeiterklasse, lange Kämpfe, eine ganze Reihe geschichtlicher Prozesse durchzumachen hat, durch welche die Menschen wie die Umstände gänzlich umgewandelt werden. Sie hat keine Ideale zu verwirklichen; sie hat nur die Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich bereits im Schoß der zusammenbrechenden Bourgeoisgesellschaft entwickelt haben. …



Die große soziale Maßregel der Kommune war ihr eignes arbeitendes Dasein. Ihre besondern Maßregeln konnten nur die Richtung andeuten, in der eine Regierung des Volks durch das Volk sich bewegt. Dahin gehören die Abschaffung der Nachtarbeit der Bäckergesellen; das Verbot … der bei Arbeitgebern üblichen Praxis, den Lohn herabzudrücken durch die Auferlegung von Geldstrafen … Eine andre Maßregel dieser Art war die Auslieferung von allen geschlossenen Werkstätten und Fabriken an Arbeitergenossenschaften …”[vii]

Daß Paris seit dem 2. April von französischen Truppen belagert wurde

Am 2. April nahmen die Truppen der in Versailles sitzenden Regierung Thiers Paris unter Artilleriefeuer. Nach 45tägigem Kampf unterlag die Kommune. In Lyon, Marseille, Bordeaux und anderen Städten hatten sich ebenfalls revolutionäre Kommunen gebildet. Sie brachen schon vor dem 28. Mai 1871 zusammen.

Daß die Truppen der Versailler Regierung gefangene Kommunarden erschossen

Die “Versailler” waren nach einigen Tagen des Kampfes dazu übergegangen, gefangene Kommunarden zu erschießen. Die Kommune antwortete mit dem Geiseldekret, das die Erschießung von drei politischen Gefangenen (Polizeispitzel, Gendarmen, Priester, Ordensgeistliche) für jeden ermordeten Kommunarden androhte, aber nicht in die Praxis umgesetzt wurde.

“Nachdem die Kommune (Dekret vom 7. April) Vergeltungsmaßregeln angeordnet und es für ihre Pflicht erklärt hatte, ‘Paris gegen die kannibalistischen Taten der Versailler Banditen zu schützen und Aug’ um Auge, Zahn um Zahn zu verlangen’ stellte Thiers dennoch die grausame Behandlung der Gefangenen nicht ein.”[viii]



Die Erschießungen hatte man allerdings eingestellt.

“Kaum aber hatten Thiers und seine Dezembergenerale gefunden, daß das Vergeltungsdekret nur eine leere Drohung war, daß selbst ihre Gendarmenspione, die in Paris, als Nationalgardisten verkleidet, abgefangen waren, daß selbst Polizeisergeanten, Träger von Brandgranaten, verschont blieben – so fing auch das massenweise Erschießen von Gefangenen wieder an und wurde bis zum Ende durchgeführt.”[ix]

Unter dem Druck von außen beschloß die Kommune die Bildung eines mit diktatorischen Vollmachten ausgestatteten “Wohlfahrtsausschusses”, was von einer Minderheit der Kommunarden entschieden abgelehnt wurde.

Wie am 21. Mai eine blutige Woche begann, in der Paris erobert wurde

Am 21. Mai drangen Soldaten des Generals Mac Mahon in Paris ein und brauchten dann noch eine lange blutige Woche, um die Stadt vollständig einzunehmen. Den nahen Tod vor Augen, holten Angehörige der Nationalgarde etwa hundert Gefangene aus ihren Gefängnissen und erschossen sie. Die “Versailler” hingegen erschossen in den Straßen der Stadt etwa 20.000 Menschen.

Am 27. April wurde auf dem Friedhof Père-Lachaise mit äußerster Erbitterung um jeden Meter gekämpft. Die Versailler machten hier keine Gefangenen. Am 28. Mai fiel die letzte Barrikade in der Rue Ramponneau.

Von 40.000 Verhafteten fiel eine größere Zahl willkürlicher Erschießung zum Opfer oder starb an untragbaren Haftbedingungen.

Wie Bismarck dem Preussenkönig zur Krone eines “Zweiten Reichs” verhalf und dieses nichts anderes war als eine auf dem Bündnis von Adel und liberalem Grossbürgertum beruhende Militärdiktatur

Wie die deutschen Fürsten Wilhelm baten, ihr Vorgesetzter zu werden …





Der Hurra-Patriotismus riß das liberale Bürgertum mit. Aber die Fürsten mußte Bismarck erst von der Notwendigkeit einer Unterordnung unter Preußenkönig Wilhelm überzeugen: Bayernkönig Ludwig II. konnte durch eine Summe von sieben Millionen Goldmark dazu bewegt werden, seinen Namenszug unter ein Schreiben zu setzen, in dem er “im Namen aller deutschen Fürsten” den Preußenkönig ersuchte, doch bitte ihr Vorgesetzter zu werden.

… und dieser 1871 in Versailles ihrer Bitte entsprach

Die Proklamation Wilhelms zum Deutschen Kaiser erfolgte im Jänner 1871 im Spiegelsaal zu Versailles.

Dem Reichstag des Norddeutschen Bundes wurde erlaubt, aus seiner Mitte dreißig Abgeordnete zu wählen, deren Aufgabe es sein sollte, den Preußenkönig untertänigst zu bitten, “durch Annahme der Kaiserkrone das Einigungswerk zu erreichen”.

Daß auch 30 Abgeordnete des Reichstags “zum Dienermachen” vorgelassen wurden

Allerdings ließ man “die dreißig Kerls” erst einmal zwei Tage warten, bis sie “zum Dienermachen”, wie sich ein Flügeladjutant Wilhelms ausdrückte, vorgelassen wurden.

1871 war die Geburtsstunde einer Militärdiktatur, die auf dem Bündnis zwischen Adel und Großbürgertum beruhte und bis zum November 1918 Bestand hatte.



Der Regierungschef, der Reichskanzler, war gleichzeitig Vorsitzender des “Bundesrats”, eines faktisch bedeutungslosen Gremiums, in dem – so Bismarck – “die Souveränität der verbündeten Fürsten und Regierungen ihren unbestrittenen Ausdruck” finden sollte.

Daß der Reichstag lediglich ein Scheinparlament war

Der Reichstag bildete lediglich ein Scheinparlament. Die Wahlkreiseinteilung benachteiligte die Ballungszentren: Hamburg, Berlin, Bochum/Dortmund (zusammen 3,12 Millionen Menschen) wurden von insgesamt elf Abgeordneten vertreten. Die rund 700.000 Untertanen der mecklenburgischen Großherzöge entsandten hingegen sieben Abgeordnete.

Von der Wahl ausgeschlossen waren: Frauen, Männer unter 25, Soldaten, Inhaber in Konkurs gegangener Betriebe, “Almosenempfänger” – Familienväter, die im Wahljahr Zuschüsse aus öffentlichen Mitteln erhielten.

Außerdem war die Regierung dem Parlament nicht verantwortlich.

Daß das “Zweite Reich” nicht viel von den Hoffnungen der Jahre 1815 oder 1848/49 verwiklicht hatte

Stellte das “Zweite Reich” – die Erfüllung des Traums von 1815 oder 1848/49 dar?

Es war ein kleindeutsches Reich, dafür lebten darin fünf bis sechs Millionen Menschen (Polen, Masuren Sorben, Kassuben, Slowaken, Litauer, Dänen, Franzosen), die sich – wenn das Selbstbestimmungsrecht der Völker gegolten hätte – wohl für eine andere staatliche Lösung entschieden hätten.

Hatte das “Zweite Reich” der Kleinstaaterei ein Ende gesetzt? Erreicht war lediglich das Ziel, einen großen Teil der deutschen Zwergstaaten in Preußen aufgehen zu lassen und den Rest in Abhängigkeit zu halten. Neben den Hohenzollern gab es noch 21 weitere regierende Fürstenhäuser.

Kinder aus Arbeiter- oder Bauernfamilien hatten kaum Chancen auf höhere Bildung und auf die Erwerbung eines Reserveoffiziersdienstgrades – in aller Regel Voraussetzung für einen Höheren Posten in Staatsdienst und Industrie. Behördenchefs bevorzugten Bewerber, die schlagenden Verbindungen – möglichst der eigenen – angehörten. Die Gesindeordnung räumte der Herrschaft bis 1918 ein körperliches Züchtigungsrecht ein. Landarbeiter, Soldaten, Lehrlinge erhielten Ohrfeigen, Fußtritte, Schläge mit der Reitpeitsche. Die Polizisten und Gendarmen waren durchwegs ehemalige Unteroffiziere, die zwölf Jahre und länger Rekruten gedrillt hatten.

Daß im “Zweiten Reich” das Militär den Ton angab

In der Gesellschaft des Bismarck-Reiches gaben Adel und Militär den Ton an.

Mehr als die Hälfte von fünf Milliarden Goldfranken, die Frankreich als “Kriegsentschädigung” gezahlt hatte, wurde für zusätzliche Rüstungen ausgegeben.

Der konservative Historiker Heinrich von Treitschke (der Mann, bei dem später der “Stürmer” sein Motto entlehnen sollte: “Die Juden sind unser Unglück”) schwärmte: “Ist diese Zeit von Eisen, so bleibt es auch eine Notwendigkeit für die Gesittung der Welt, daß eine Nation bestehe, die neben dem Idealismus der Wissenschaft zugleich den Idealismus des Krieges behüte, … und dies ist Deutschlands herrlichster Beruf.” So wie Treitschke es sang, so zwitscherten es Tausende von Deutsch-, Geschichts-, Turn- und Religionslehrern, so paukten es Unteroffiziere den Rekruten ein, und so trommelten es die überall im Reich gegründeten Kriegervereine durch die Städte und Dörfer.

Wie und warum der Antisemitismus zum Programm kleinbürgerlicher Parteien wurde

Wie der Berliner Hofprediger Adolf Stöcker den Arbeitern mehr Ehrfurcht vor dem Christenglauben, König und Vaterland beibringen wollte …









… aber nur beim Kleinbürgertum mit antisemitischen Sprüchen ankam

“Hätten wir mehr lebendiges deutsches Ehrgefühl, mehr Ehr­furcht vor unseren Heilig­tümern, vor dem Chris­tenglauben, vor König und Vaterland, niemals wäre das Judentum unter uns zu solcher Macht gelangt.”

Das sind die Worte des prote­stantischen Theologen und Hofpredi­gers Adolf Stöcker, die dieser im Februar 1882 in einer Rede anläßlich einer Veranstaltung der christlich-sozialen Partei hielt, die er 1878 in Berlin als christlich-soziale Arbeiterpartei gegründet hatte. Mit derlei Losungen konnten aber die Seelen der Arbeiter begreiflicherweise nicht gut gegen die Versuchungen des Sozialismus im­munisiert werden. Ihnen war es im Schnitt egal, ob das Kapital “getauft oder beschnitten” war, wie Friedrich Engels sich einmal ausgedrückt hat.

Zulauf erhielt Stöcker jedoch aus den Reihen des Mittelstan­des. Judenfeindschaft kam dort gut an und wurde von Stöcker – ebenso wie von Lueger in Wien – aus parteitakti­schen Überlegungen in den Vorder­grund gestellt. Die bürgerliche Gleich­stellung der Juden (in Österreich 1867 und im Norddeutschen Bund 1869), der Industrialisierungsschub der Gründerzeit und der Börsenkrach von 1873 bildeten den Hintergrund für eine Welle des Antisemitismus.



Was Stöcker und seine Gesinnungsgenossen für spezifisch jüdischen “Mammonismus” hielten, war eine Eigenschaft des Kapitalismus, in dem die Erzielung von Profit zum obersten Wert geworden war, dem sich alles andere unterzuordnen hatte. Das Wesensmerkmal einer Wirtschafts und Gesellschaftsordnung wurde zum Wesensmerkmal einer religiösen Minderheit und vielfach auch schon einer “Rasse” umgedeutet.

Den von der Deklassierung bedrohten kleinen Gewerbetreibenden zeigte sich damit doch noch ein trügerischer Hoffnungsschimmer:

Wie sich den von der Proletarisierung bedrohten kleinen Gewerbetreibenden ein trügerischer Hoffnungsschimmer zeigte …

Wenn die Entwicklung des Kapitalismus als Auswirkung einer bestimmten Gesinnung, einer (religiö­sen) Idee und noch besser wenn diese Gesinnung als typisches Rassenmerkmal interpretiert wurde, so eröffnete sich die Aussicht, durch die Ausmerzung einer genau eingegrenzten Gruppe von Trägern dieser Gesinnung Abhilfe zu schaffen und doch noch den Weg zurück in der Geschichte zu finden.



Idee (Ideologie, Geisteshaltung etc.) kämpft gegen Idee. Beide sind – so gesehen – nicht historisch bedingt, sondern bedingen die Historie. Warum soll also nicht morgen die Idee von gestern oder vorgestern wieder herrschen, die “mittelalterlichchristliche Wirtschaftsgesinnung” zum Beispiel?

… wenn man den modernen Kapitalismus – wie der Wirtschaftshistoriker Werner Sombart – als “eine Ausstrahlung jüdischen Wesens” auffaßte

Der Wirtschaftshistoriker Werner Sombart sagt uns in seinem 1911 erschienen Buch “Die Juden und das Wirtschaftsleben”, “daß der moderne Kapitalismus doch im Grunde nichts anderes sei als eine Ausstrahlung jüdischen Wesens”.

Nach der mittelalterlichchristlichen Auffassung stehe “… im Mittelpunkt auch der wirtschaftlichen Interessen der Mensch … Güter werden erzeugt und gehandelt, damit die Konsumenten gut und reichlich ihren Bedarf an Gebrauchsgütern decken können, aber auch die Produzenten und Händler ihr gutes und reichliches Auskommen finden … Das schrankenlose, unbegrenzte Streben nach Gewinn galt noch während dieser ganzen Zeit bei den meisten Wirtschaftssubjekten als unstatthaft, als ‘unchristlich’ …Von einer Herauslösung der ökonomischen Welt aus dem religiössittlichen Gesamtverbande war noch keine Rede. Jede einzelne Handlung ressortierte noch unmittelbar von der obersten ethischen Instanz: dem göttlichen Willen. Und dieser war … der mammonistischen Auffassung der Dinge im strengsten Sinne abhold, also, daß alles christliche Erwerbsleben alten Stils schon aus diesem Grunde immer ethisch temperiert blieb.”

Wie bei Sombart der Kapitalismus eine Art jüdischer Krankheit darstellt, die von außen in den “anders gearteten Ideenkreis” des christlichen Mittelalters getragen worden sei

“Was aber ist nun das grundsätzlich Neue in der Betrachtungsweise, die wir als die spezifisch jüdische kennen lernten? Wir können es in einem einzigen inhaltsschweren Satz zusammenfassen: es ist der moderne Geist, wie er heute die Wirtschaftssubjekte durchgehends beherrscht … Was der Jude durch all die Jahrhunderte gegenüber den herrschenden Anschauungen vertritt, ist die grundsätzlich individualistische Auffassung von der Wirtschaft; daß die Wirkenssphäre des einzelnen Wirtschaftssubjektes nach oben und nach unten hin durch keine objektive Satzung irgendwie begrenzt sei, weder was die Größe des Absatzes, noch was die Gliederung von Berufen betrifft; daß jedes Wirtschaftssubjekt sich seine Stellung neu erobern und jederzeit sie gegen Angriffe verteidigen müsse … Was sich hiermit durchgesetzt hat, sind, wie man sieht, nichts anderes als die Ideen des ‘Freihandels’, der ‘freien Konkurrenz’, ist der ökonomische Rationalismus, ist der rein kapitalistische Geist, ist eben die moderne Wirtschaftsgesinnung, bei deren Ausbildung die Juden also eine große, wenn nicht die entscheidende Rolle gespielt haben. Denn sie sind es gewesen, die von außen her in einen anders gearteten Ideenkreis hinein diese Anschauungen trugen.”

Kapitalismus als eine Art jüdi­sche Krankheit, die von außen her in den völlig anders gearteten Ideenkreis des christlichen Mittelalters getragen worden ist.



Und jetzt haben wir die Bescherung: Als moderner Geist be­herrscht diese jüdische Krankheit die Wirtschaftssubjekte durchgehend. Mit anderen Worten: Am Kapitalismus sind immer und überall die Juden schuld. Auch dort, wo es keine gibt.



Das “Händlervolk” der Juden, deren rastloser nomadischer Geist sie veranlaßt habe, Judäa zu verlassen und die Diaspora zu erfinden, habe seine Ideen in die im Gleichgewicht befindliche mittelalterliche Welt des germanischen “Hel­denvolkes” mit seiner intakten Volksgemeinschaft getragen.

Daß die Feindbilder Kapitalismus und Sozialismus sich im kleinbürgerlichen Bewußtsein zu einem Begriff vereinigten: Jude

Der Kleinbürger nahm die Juden unter den Kapitalisten und unter den Arbeiterführern wahr. Der moderne Kapitalismus samt der Antwort der Arbeiter auf ihn kristallierte im kleinbürgerlichen Bewußtsein in einem Begriff: Jude. Der Antisemitismus wurde daher in den Parteien Stöckers sowie Luegers und Schönerers (Christlichsoziale und Deutschnationale in Österreich) zum Programm.

Daß dem Sozialismus einerseits vorgeworfen wurde, den “allesverschlingenden Kapitalismus” als unvermeidliches gesellschaftliches Entwicklungsstadium zu betrachten, …

Der Theologe und Ethnologe Wilhelm Schmidt schrieb 1920:

“…Dieser deutsche Freiheitsdrang wird auch das ganze jüdisch-marxistische Phantom des Zukunftsstaates über den Haufen werfen. Ein System, das den allesverschlingenden Kapitalismus als Stufe einer notwendigen Entwicklung erklärt, die man nicht aufhalten könne, ja nicht aufhalten dürfe, da nur sie, und sie von selbst die endliche Zentralisierung herbeiführe, die man dann ohne Mühe in die allgemeine Expropriierung und Sozialisierung hinüberleiten könne: das ist nicht freiheitlich-deutsch, sondern despotisch-asiatisch.” Und wenn es so weit kommen sollte “…ist es mit der Freiheit der Deutschen vorbei, sie werden unter die erbärmliche Knechtschaft einer Handvoll, wahrscheinlich jüdischer Ausbeuter geraten.”

… anderseits aber das Privateigentum an den Produktionsmitteln abschaffen zu wollen.

Kurz: Ja zum Privateigentum; aber in mittelalterlichen Grenzen










Wie der christliche “Sozialismus” mit dem Mittelalter und dem kanonischen Zinsverbot liebäugelte

Der christliche “Sozialismus” sowie sein Zwillingsbruder, der nationale “Sozialismus” wollten das Privateigentum an den Produktionsmitteln erhalten, aber in mittelalterlichen Grenzen.

Der schon im Zusammenhang mit der Romantik zitierte Friedrich Wilhelm Schmidt schreibt 1920 (in “Der Deutschen Seele Not und Heil):

“Sondereigentum wohl verlangt wahrhaft deutscher Freiheitssinn und Familiensinn, aber nicht im schrankenlosen Sinn des römischen Rechtes und des jüdischen Kapitalismus. Auch hier tritt deutsche Art dem entgegen: der Deutsche ist der Mann der Pflicht und der Arbeit – also weg mit dem pflichtlosen und dem arbeitslosen Eigentum! Das war ja auch der Sinn des alten deutschen Lehenswesens…: alles Eigentum ist Lehen der Gesamtheit, hat ihm gegenüber Pflichten zu erfüllen. Tiefer noch fundierte das Christentum den Eigentumsbegriff, indem es den lebendigen Gott als höchsten Lehnsherren und allwissenden Wächter und Richter der richtigen Benutzung des Eigentums hinstellte; eine konkrete Anwendung davon war die kirchliche Verwerfung des Zinsnehmens, die nie völlig aufgehoben wurde. Das waren auch die Lehren deutscher christlicher Sozialreformer wie Kettler, Todt, Vogelsang gleich damals, als Ideologen wie Lassalle und Marx mit ihrem blendenden neuen Evangelium auftraten.”



In Hitlers berühmter Rede vom 30. Jänner 1939, in der er “wieder ein Prophet sein” wollte, erschienen “internationales Finanzjudentum” und Bolschewismus als eins. Was er vorhersagte, war die “Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa”.

Was Richard Wagner mit Adolf Hitler verbindet

Daß sich Richard Wagner für den Begründer des von Stöcker vertretenen Antisemitismus hielt

Von Adolf Stöcker ist es nicht weit zu Richard Wagner:

“Ich lese eine sehr gute Rede des Pfarrers Stöcker über das Judentum. R(ichard) ist für völlige Ausweisung. Wir lachen darüber, daß wirklich, wie es scheint, sein Aufsatz über die Juden den Anfang deises Kampfes gemacht hat.”[x]

So lautet eine Eintragung in Cosima Wagners (der Gattin Richard Wagners) minutiös geführtem Tagebuch unterm 11. Oktober 1879.

Daß aus Wagners Feder tatsächlich einer der “Klassiker” der antisemitischen Literatur stammt







Daß die einzige Lösung der “Judenfrage”, die Wagner sich denken konnte, der Untergang der Juden war

Tatsächlich stammt einer der “Klassiker des Antisemitismus” aus der Feder Richard Wagners, der 1850 unter dem Pseudonym K. Freigedank mit seinem Traktat Das Judentum in der Musik an die Öffentlichkeit getreten war. Im Jahre 1869, dem Jahr der Gleichstellung der Juden im Norddeutschen Bund, erschien das Werk in einer erweiterten Version unter Wagners Namen.

Wagner stellte sich darin auf den Standpunkt, daß Juden keine Kunst, sondern nur “Kunststückchen” schaffen könnten. Denn das entwurzelte jüdische Volk sei vom Quell aller Kultur, dem “Volksgeist”, abgeschnitten.

Die Taufe allein könne einen Juden nicht von seinem Judesein befreien. Die einzige Lösung der “Judenfrage”, die Wagner zu sehen in der Lage war, schmeckt nach “End­lösung”:

“ … bedenkt, daß nur eines eure Erlösung von dem auf euch lastenden Fluche sein kann; die Erlösung Ahasvers, der Untergang.”[xi]



Wagner war zunächst nicht judenfeindlich eingestellt gewesen. Vor 1850 hatte er freundschaftliche Kontakte zu jüdischen Künstlern unterhalten. Er hatte Meyerbeer gebeten, ihn bei seinem Bemühen zu unterstützen, seine Werke in Berlin und Dresden zur Aufführung zu bringen. “Diese Bitten sind von Ausdrücken der Lobhudelei und Selbsterniedrigung begleitet, die man selbst nach Berücksichtigung von Wagners Lage nur mit einer gewissen Verlegenheit lesen kann: ‘Mein angebeteter Gönner’, ‘Mein Kopf und mein Herz gehören aber schon nicht mehr mir das ist ihr Eigen mein Meister’; ‘Ich muß ihr Sclave mit Kopf und Leib werden … denn ich gestehe offen, daß ich SclavenNatur in mir habe’ dies und ähnliches in einem einzigen Brief.”[xii]

Dem arrivierten Wagner muß die Erinnerung an solche Akte der Selbstentwürdigung peinlich gewesen sein. Als Rober Schumann später feststellte, daß Wagners “Fliegender Holländer” oft nach Meyerbeer schmecke “reagierte Wagner mit einer Leidenschaft, die den wunden Punktder hier berührt wurde, offenbart. Seine ‘äußeren Lebensverhältnisse’ allein hätten ihn mit ‘dem Menschen Meyerbeer in Beziehung gebracht’. Von einer Beeinflussung seiner ‘Productions-Kraft’ durch Meyerbeer könne schon deswegen keine Rede sein, weil ‘außer vielleicht raffiniertes Streben nach seichter Popularität’ nichts als spezifisch ‘Meyerbeerisch’ angesprochen werden kann. Meyerbeers Produktionen seien seinen Vorgängern Rossini, Bellini usw. entlehnt.”[xiii]



Nicht nur die aus der deutschen Mythenwelt stammenden Themen Wagnerscher Werke boten also eine Anknüpfungsmöglichkeit für die Nazis, sondern auch Wagners solider Judenhaß.

Dem Gelegenheitsarbeiter Adolf H. wiederum bot der “seltene, vom Munde abgesparte Besuch der Oper” Ablenkung von der Trostlosigkeit seines Daseins im Vorkriegs-Wien, und auch sein Erwählungserlebnis soll er während einer Aufführung der Wagner-Oper Rienzi gehabt haben.

Daß Wagner mit Gobineau, dem Autor eines vielbeachteten “Essays über die Ungleichheit der Menschenrassen”, bekannt war















Daß Wagner der Schwiegervater H. St. Chamberlains war, der die “Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts”, ein Standardwerk des Rassismus und Pangermanismus verfaßt hat

Von Richard Wagner ist es auch nicht weit zu dem französischen Diplomaten Joseph Arthur von Gobineau, mit dem er seit 1876 bekannt war.

Gobineau hatte 1853 einen “Essai sur l’inégalité des races humaines” (Essay über die Ungleichheit der Menschenrassen”) veröffentlicht. Mit Hilfe gewagter Konstruktionen und unter etlichen geistigen Verrenkungen gelang es ihm, alle Kulturleistungen auf die “Rasse” der “Arier” zurückzuführen. Als verirrte “Arier” entpuppen sich bei ihm auch die Propheten und die anderen großen Gestalten der biblischen Geschichte.

Wagner machte Gebrauch von Gobineaus Rassebegriff. Aber schon früher (1873) war ein Streit Wagners mit dem Dekan der Bayreuther Kirche entstanden, der die Auffassung vertreten hatte, “gemischte Ehen seien die Lösung des Problems. R(ichard) behauptet: Dann würde es keine Deutschen mehr geben, das deutsche blonde Blut sei nicht kräftig genug, um dieser “Lauge” zu widerstehen, wir sehen ja, wie die Normannen und Franken zu Franzosen geworden seien, und das jüdische Blut sei noch viel korrosiver als das romanische.”[xiv]

Von Richard Wagner ist es auch nicht weit bis zu seinem Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain, der 1898 mit den “Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts”, an die Öffentlichkeit trat, dem Hauptwerk des Rassenantisemitismus und Pangermanismus im “Zweiten Reich”. Geschichte wird darin im wesentlichen als Kampf zwischen einer schöpferischen arischen und einer destruktiven semitischen “Rasse” gesehen. Das Werk wurde bis 1922 vierzehnmal aufgelegt. Wilhelm II. las es seinen Kindern vor und empfahl es den Kadettenschulen als Lektüre.

Wie sich die drei “Lager” der österreichischen Innenpolitik entwickelten


Daß der christlichsoziale Antisemitismus durch den Börsenkrach von 1873, …

Wie in Berlin gab auch in Wien der Börsenkrach von 1873 dem Antisemitismus Auftrieb, dem von Karl Vogelsang, der als Begründer der christlichen Soziallehre gilt, Ausdruck verliehen wurde.



Nach dem bekannten Muster beklagte er den “schrankenlosen Egoismus des” – mit dem Judentum identifizierten – “Kapitals”, durch den das christlich-zünftische Berufsethos zersetzt würde. Es seien die Juden, die durch ihre Geschäftspraktiken “Handel und Wandel” vergifteten, “sodaß ein ehrliebender Christ kaum mehr auf einen grünen Zweig kommen kann.”

… durch einen Ritualmordprozeß …

Ein Ritualmordprozeß in Ungarn und die Einwanderung russischer Juden, die

Der Autor hat leider keine Quellen genannt.

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Anna

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